Glück

Eine Begegnung – von Anne-M. Keßel

Ich brauche Geld! Wir alle brauchen Geld! Dieses Leben ist teuer – und die Träume, die wir haben, erst recht! Irgendjemand hat mal gesagt, dass Filmemachen ein verdammt teures Hobby ist. Stimmt. Und Filmemachen als Beruf ebenso! Und deswegen BRAUCHE ICH GELD!!!

Also: Ab zum Lotto-Kiosk! Denn wer nicht spielt, kann auch nicht gewinnen. Ich gebe dem Glück also hier und heute eine reelle Chance, mich bzw. meine Herzens-Projekte  mit dem so Nötigen zu segnen.

Im U-Bahn-Zwischengeschoss am Sendlinger Tor fülle ich also an einem Stehtisch – umringt von anderen Glücksrittern, Desillusionierten und Frustrierten – meinen Lottoschein aus und reiche ihn durch das kleine Kiosk-Fenster dem sympathisch wirkenden, älteren Herrn mit Migrationshintergrund. Gutgelaunt jagt er meinen Schein durch die Maschine, welche die schwarzen Kugelschreiber-Kreuzchen auf den roten Zahlenkästchen, meinen ganz persönlichen Glücks-Code, einliest und registriert.

„Und, hatten Sie heute morgen schon Glück?“, fragt er mich und schaut mich aufmerksam mit seinen freundlichen Augen an. Ich denke keine Sekunde nach, sondern erwidere wie aus der Pistole geschossen: „Nun ja, also ehrlich gesagt, nö, nicht so richtig. Nee, also echt SO GAR NICHT, weil-“ Doch bevor ich mich so richtig in meinen Frust hineinfallen lassen und weiter reden kann, unterbricht er mich: „Konnten Sie heute morgen ohne fremde Hilfe aufstehen und sich alleine anziehen?“ Ich stocke, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Groß schaue ich ihn an. Ein Lächeln macht sich unter seinem dichten, schwarzen Schnurrbart breit: „Na sehen Sie, das ist doch schon großes Glück!“ Er reicht mir den maschinellen Ausdruck meines Lottoscheins, den ich reflexartig annehme.

Wie, um die bedeutsame Schwere seiner vorherigen Aussage zu brechen, schiebt er noch nach: „Na, und wenn Sie noch jemanden haben, den sie anscheißen können, dann ist das doch auch Glück, oder?“ Er grinst so unverschämt breit, dass ich auch grinsen muss.

Den ganzen Weg zur U-Bahn lang denke ich über unser kurzes Gespräch nach. Ja, Recht hat er, der nette Lotto-Kiosk-Mann! Ich bin nicht allein, und ich bin gesund! Das kann man sich nicht kaufen. Auch nicht mit sechs Richtigen plus Zusatzzahl.

Die Ziehung der Lottozahlen am nächsten Tag ergibt übrigens, dass ich keinen einzigen Treffer habe. Ich brauche also immer noch Geld – aber Dank dieser wunderbaren Begegnung ist mir nun wirklich bewusst, dass das überhaupt nichts mit Glück zu tun hat.

Text & Foto: © Anne-M. Keßel | Mai 2016

One thought on “Glück

  1. Liebe Anne,
    wat ‘ne tolle Geschichte. So wat von aus dem Leben gegriffen und SOOOO WAHR! Du hast es mal wieder so entzückend und mit einem großen Augenzwinkern geschrieben! SUPER – ich bin begeistert. Und da bei mir gerade auch EINIGES echt Scheiße läuft, kann ich nur sagen: ja ich konnte heute morgen auch noch aufstehen, habe ein Dach über dem Kopf, habe zu Essen und zu Trinken, habe einen Job (ist in der heutigen Zeit leider nicht für alle selbstverständlich) und zudem scheint auch noch die lang vermisste Sonne! Wat will man denn nooooch mehr, hä! Uns jedet doch jut! In diesem Sinne: einen wundervollen sonnigen Sonntag – genieße ihn!
    Liebe Grüße A.U.

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