“Wo sind die bösen Nazi-Katzen?”

Fast auf den Tag genau ein Jahr hat es gedauert, aber jetzt bin ich wieder da: beim NSU-Prozess in München.

Ein Erlebnisbericht
- von Anne-M. Keßel

16. September 2014. Ankunft 8.30 Uhr. Eine Stunde vor Prozess-Beginn. 60 Minuten scheinen mir ein guter Puffer zu sein, für den Security-Check und um vielleicht mal einen Platz in der ersten Reihe auf der Zuschauer-Tribüne zu ergattern. Als ich den Vorplatz des Justizgebäudes betrete, empfängt mich gähnende Leere. Von einem Besucher-Andrang oder Sturm von Medienberichterstattern: keine Spur. Das auf dem Vorplatz stehende Zelt mit den durch gelbe Barken eingeteilten Wartespuren für Zuschauer und Pressevertretern scheint mir – angesichts der Leere – total überflüssig. Also umkurve ich das Zelt, betrete das Gebäude und gehe zielstrebig auf die Check-In-Schleuse zu. Bin ja jetzt schon ein alter Hase. Ruppig werde ich von einem Uniformierten angehalten: „Waren Sie schon mal hier?“ Stolz nicke ich. „Dann wissen Sie doch auch, dass man sich in der Warteschlangen-Anlage anstellen und warten muss, bis man aufgerufen wird. Falls die Schleuse voll ist.“ Zack – 1. Anschiss des Tages.  Aha, ok…meint der das jetzt wirklich ernst? Ich überlege kurz, ob ich jetzt zu argumentieren beginnen soll. Dass die Schleuse vollverglast und daher von außen einsehbar ist, und dass ich als erwachsener, mündiger Mensch wohl selber beurteilen kann, ob ich mich wie ein Depp in eine leere Warteschlangen-Anlage stelle oder einfach mal – rebellisch alle Regeln brechend – gewagt in die leere Schleuse vorpresche. Das könnte ich jetzt zwar überzeugend vorbringen, allerdings könnte es auch den Tag schon zu so früher Stund unnötig stressig gestalten…
Also nicke ich nur pflichtschuldig, lächle freundlich und frage, ob ich mich jetzt – um Respekt zu zeigen – wirklich hinter die gelbe Barke stellen soll oder ob ich vielleicht ausnahmsweise so passieren dürfe. Entweder hat der Beamte keinen Sinn für gemeinen, schwarzen Humor (wofür ich ihm übrigens sehr dankbar bin!) oder er hat Erbarmen mit mir – jedenfalls muss ich nicht hinter die gelbe Barke und darf ausnahmsweise(!) direkt passieren.

Dann das übliche Procedere: mein Personalausweis wird kopiert, ich muss durch einen Metalldetektor (der beim mir immer, immer, IMMER piepst!), werde von einer Beamtin abgetastet (diesmal allerdings nicht die Haare! Siehe dazu: „Das Lächeln der Beate Zschäpe“) und meine Tasche durchsucht. Dann nehme ich routiniert Stift, Notizblock und SZ an mich, klettere das Treppenhaus zur Zuschauer-Tribüne hoch und betrete den Prozess-Saal. In der 1. Reihe lacht mir ein leerer Rand-Platz entgegen. Yes! Heute also front row! Dass außer vier weiteren Personen in der ersten Reihe keine weiteren Besucher da sind, schmälert meinen Triumph kein bißchen. Um nicht doch noch eine unerwartete feindliche Übernahme zu riskieren, lege ich also SZ und Notizblock demonstrativ auf „meinen“ Platz, dann trete ich einen Schritt nach vorne an die Glasscheibe. Ich stütze mich auf dem – offensichtlich dafür vorgesehenen – Handgeländer ab und schaue hinab in den noch leeren Saal. Ich betrachte ganz vorne auf der Anklagebank das schon leicht angeknickte Namensschild mit dem Aufdruck „Angeklagte Zschäpe“, lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Allerdings nicht sehr lange… „Gehen Sie bitte sofort von dem Geländer weg!“ Reflexartig springe ich einen Schritt zurück. Ein Uniformierter schaut mich von der Seite streng an. Zack – 2. Anschiss! Meine Güte, was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Ich ärgere mich zwar, bin aber entweder weise genug oder zu feige, um mich bei dem Ordnungswächter über mein Fehlverhalten aufklären zu lassen. Also setze ich mich und schlage die Zeitung auf.

Ab 9.10 Uhr werden die Pressevertreter vor die Anklagebank gelassen. Ein mickriges EB-Team vom ZDF und zwei Fotografen stehen vor dem Zschäpe-Schild. Das waren auch schon mal mehr…
Ich drehe mich zur Seite: auch auf der Presse-Tribüne rechts von den Zuschauer-Rängen sitzen erst zwei Medienvertreter. Und auch die Zuschauer-Ränge sind immer noch nur spärlich besetzt. Entweder ist das Interesse an diesem Prozess deutlich abgeflaut, oder heute ist ein unspektakulärer Prozess-Tag. In Ermangelung dieser Information wende ich mich an meinen Sitznachbarn. Ein untersetzter Mann von undefinierbarem Alter (zwischen 25 und 40, grobe Schätzung) in einer mintgrünen Jeans und einem hellblauen Hemd mit schwarzer Totenkopf-Krawatte. „Entschuldigung, wissen Sie, wer heute kommt?“ Er guckt mich nicht an, sieht mir nicht in die Augen, nicht mal in meine Richtung. Er starrt geradeaus in den Saal, spricht aber eindeutig zu mir. „Heute kommen zwei Zeugen aus der Schweiz. Polizisten. Wegen der Waffe. Die Waffe soll ja angeblich aus der Schweiz kommen.“ Da mir die ganze Körpersprache dieses Mannes signalisiert, dass er an keinem weiterführenden Gespräch interessiert ist und ich zwar ein kommunikativer, aber kein aufdringlicher Mensch bin, bedanke ich mich und drehe mich wieder weg. Zwei Schweizer Zeugen also. Klingt doch ganz spannend.
Langsam füllt sich der Saal. Der Verteidiger von André Eminger zieht eine weiße Krawatte aus seiner Aktentasche – mit bereits fertigem Krawattenknoten. Schwupp – schon ist das Ding über den Kopf gezogen und der Knoten bis zur Gurgel gezurrt, ein kurzer Blick auf das verspiegelte Handy-Display: sitzt. Fertig. Ob dieser Mann wirklich nicht selber einen Krawattenknoten binden kann…?

Es ist bereits 9.30 Uhr durch, als die Angeklagten kommen. André Eminger sitzt quasi direkt „unter“ mir, weshalb ich ihn heute erstmals genau in Augenschein nehme. Mit seinen tätowierten Fingergliedern, dem Nacken-Tattoo, dem getunnelten Ohr und dem schwarzen Kapuzen-Pulli samt darüber gezogener Lederweste könnte er auch als Klischee-Prototyp eines Motorrad-Rockers durchgehen (eigentlich fehlt nur das MC-Logo auf dem Rücken).
Dann betritt Beate Zschäpe den Saal. Offene Haare, enge Jeans, hohe Schuhe, schwarz-weißes Ringel-Shirt. Ihre Verteidiger Stahl, Sturm und Heer umringen sie, während die beiden Spiegel-Reflex-Kameras rattern und ihren Rücken fotografieren.

9.48 Uhr: Es geht los.
Der Zeuge wird in den Saal gebeten, ein Mann mittleren Alters, graumelierte Haare, grauer Schnauz- und Kinnbart. Hatte ich unterbewusst jetzt auf eine Zeremonie voll Pathos, in der eine Hand auf die Bibel gelegt wird während die andere zum Schwur erhoben wird, und auf die Worte „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ gehofft, so werde ich bitter enttäuscht. Nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung und nachdem fürs Protokoll Name, Alter, Beruf und komplette Anschrift(!) sowie die Tatsache, dass der Zeuge mit der Angeklagten weder verwandt noch verschwägert sei, festgestellt wurden, wird noch darauf hingewiesen, dass die Aussagen wahrheitsgemäß sein müssen und auf Meineid eine Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis stehe; dann geht es los. Das ganze hat keine 20 Sekunden gedauert…
Der vorsitzende Richter Götzl beginnt mit der Befragung des Zeugen, der in einem Schweizer Dialekt antwortet – was prompt von den Verteidigern von Beate Zschäpe mit „Wir haben die Problematik, dass unsere Mandantin den Zeugen nicht hinreichend verstehen kann.“ kommentiert wird. Der Vorsitzende bittet den Zeugen daraufhin, langsamer und lauter zu sprechen und die Befragung geht weiter. Es geht um zwei Vernehmungen, die der Zeuge in seiner Tätigkeit als Polizeibeamter im Sommer 2007 und 2008 durchgeführt hatte. Während Richter Götzl seine Fragen stellt, hat Beate Zschäpe ihren Laptop zugeklappt vor sich auf dem Tisch liegen, die Ellenbogen darauf gestützt und den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Sie schaut den Zeugen intensiv an. Zwar wirkt sie aufmerksam, aber dabei doch auch irgendwie teilnahmslos…

Die Befragung durch den vorsitzenden Richter Götzl läuft in der folgenden halben Stunde wie folgt ab: er liest eine Frage aus dem damals bei den Vernehmungen angefertigten Protokollen vor, fragt, ob sich der Zeuge an die Antwort erinnern könne (der darauf hin so gut wie immer verneint) und liest anschließend die schriftlich fixierte Protokoll-Antwort vor. Das geht, wie gesagt, fast eine halbe Stunde so, bis die Zschäpe-Verteidiger diese Befragung beanstanden: „Sie ersetzen die Aussagen des Zeugen durch das Verlesen des Protokolls!“ Kurzer Disput, StPO-Paragrafen werden zitiert; zwischen der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft fliegen Argumente hin und her, ob die Befragung in dieser Form zulässig sei. Schließlich unterbricht Richter Götzl die Sitzung für zehn Minuten, um die strittige Frage zu klären.

Es dauert fast 20 Minuten, bis es weiter geht, aber immerhin geht es dann weiter. Und zwar, wie bisher…
Ab 11.10 Uhr vernehme ich den ersten herzhaften Gähner aus der Zuschauer-Reihe hinter mir. Es ist aber auch schwierig, die Konzentration hoch zu halten, wenn zwischen der Antwort des Zeugen (die eine permanente Variation von „Ich kann mich daran nicht mehr erinnern.“ bzw. „Wenn das so im Protokoll steht, wird es wohl stimmen.“ darstellen) und der nächsten Frage häufig 10, 20 oder gar 30 Sekunden liegen, in denen nichts passiert, außer träges Blättern in den Protokoll-Unterlagen oder ein paar handschriftlicher Notizen. Ich kannte bisher nur Zeugenbefragungen aus dem Fernsehen, die von (im besten Falle sehr guten) Drehbuchautoren und dramaturgisch zugespitzt auf den Punkt hin geschrieben sind. Da ergibt sich eine Frage aus der nächsten, die Spannung steigt, der Geist ist hellwach. Offensichtlich ist das im echten Gerichtsalltag anders…

Auf eine moralisch nicht ganz einwandfreie Art „spannend“ wird es eigentlich erst, als Richter Götzl den Zeugen für eine Befragung durch die Verteidigung frei stellt. Denn die stürzt sich auf einige Formulierungen des Zeugen, welche sie dann genüsslich seziert und auseinander pflückt: Dem Schweizer Polizeibeamten drängte sich – nach eigener Aussage – damals der Verdacht auf, dass der von ihm Befragte wohl sein Unwissen, mit dem er die negative Beantwortung vieler Fragen begründete, nur vorgeschoben habe. Sowohl Zschäpes Verteidiger als auch der Anwalt von ihrem Mitangeklagten Ralf Wohlleben sezieren den genauen Wortlaut des Zeugen. „Sie haben gesagt, dass ein Achselzucken des Befragten Sie zu dem Schluss geführt habe, dass seine Aussagen nicht wahrheitsgemäß gewesen seien. Haben Sie dieses Achselzucken wirklich gesehen, oder nur gefühlt?“  Und weiter: „Welche objektiven Kriterien können Sie denn dem von Ihnen gefühlten Achselzucken zugrunde legen?“; „Handelte es sich um LEICHTES oder ein GEWISSES Achselzucken? Sie haben sich da vorhin widersprochen. Und worin liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied?“; „Wie oft hat der Befragte denn mit den Achseln gezuckt?“ Das geht Minuten-lang so, und als Wohllebens Verteidiger auf eine – zugegebenermaßen mit Schweizer Dialekt gesprochene – Antwort des Zeugen mit einem leicht arroganten „Den ersten Teil der Antwort habe ich nicht verstanden, das liegt wohl am Dialekt. Ich bin nur des Hochdeutschen mächtig!“ antwortet, geht ein erbostet Raunen durch die Zuschauerränge. Der Vorsitzende Götzl quittiert dies auch sofort als „Spitze gegen den Zeugen“, die er sich verbitte. Doch danach geht die Befragung durch die Verteidigung gnadenlos weiter.
„Warum haben Sie das Achselzucken als Zeichen dafür interpretiert, dass der Befragte die Unwahrheit sagt? Es hätte doch auch Ausdruck von Überraschung oder seines Unverständnisses über die Frage sein können.“ Ein Stöhnen geht durch den Zuschauerraum, und „Kasperle-Theater!“ zischt es vom benachbarten Presse-Rang. Mit gruseliger Gewissheit wird mir plötzlich klar, dass hier gerade das echte Leben meine Fernseh-Erfahrungen bestätigt: die Verteidigung versucht, den Zeugen zu verunsichern, so dass er sich in eigenen sprachlichen Widersprüchlichkeiten verstrickt und dadurch seine Glaubwürdigkeit leidet… Der Schweizer Polizeibeamte, der an sich nichts falsch gemacht hat, wird plötzlich in eine Verteidigungshaltung gedrängt, in der er – meiner Meinung nach – nicht sein müsste. Hier geht es um die Macht des Wortes, des korrekten Ausdrucks, der glaubwürdigen Formulierung. Faszinierend und abstoßend zugleich…

Um 12.25 Uhr hat das endlich ein Ende, der Zeuge wird unvereidigt entlassen und es geht bis 13.30 Uhr in die Mittagspause.

Als wir nach der Mittagspause in den Saal zurückkehren, hat Anja Sturm ihren Platz an Beate Zschäpes Seite – zumindest für den heutigen Tag – geräumt; es sitzen nur noch die Herren Stahl und Heer auf ihren Verteidiger-Plätzen. Sturms Abwesenheit wird nicht thematisiert, offenbar ist das nichts Ungewöhnliches.
Der zweite Zeuge des heutigen Prozess-Tages betritt den Raum, ebenfalls ein Schweizer Polizeibeamter. Die Befragung durch Richter Götzl beginnt, und nach wenigen Minuten klappt Beate Zschäpe ihren Laptop auf. Ich weiß nicht, ob es das Mittagessen ist, das mich ein wenig lähmt, aber die Befragung wirkt unwahrscheinlich zäh. Zwischen den einzelnen Fragen liegen wieder zum Teil 30-Sekunden-lange Pausen, so, als überlege sich Richter Götzl erst jetzt, was er den Zeugen denn überhaupt so alles fragen könnte… So schweift auch meine Konzentration ab und mein Blick wandert durch den Saal. Dadurch, dass ich heute in der ersten Reihe, direkt hinter der Glasscheibe, sitze, habe ich einen uneingeschränkten Blick hinab in den Sitzungssaal – und auf André Emingers Laptop-Display. Der scrollt sich durch ein Textdokument, in welches großformatige schwarz-weiß Fotos eingelassen sind, von denen riesige Hakenkreuze, Reichsadler und Uniformierte mit Hitler-Gruß ins Auge springen. Aha…

Um 15.35 Uhr wird die Verhandlung erneut unterbrochen. Träge drücke ich mich in meinen Sitz und will gerade wieder zur Zeitung greifen, als meine Ohren ein Gespräch meines mint-behosten Sitznachbarn aufgreifen. Er unterhält sich mit der jungen Frau zu seiner Rechten, das erste Mal, dass ich ihn heute überhaupt mehrere Sätze am Stück sprechen höre – abgesehen von der Auskunft auf meine Frage am Vormittag. Die junge Frau hat sich eine pinke Pony-Strähne in ihre sonst kohlrabenschwarzen Haare gefärbt und einige Piercings ins Gesicht getackert.
„Boah, ey, immer diese Pausen!“ bricht es förmlich aus ihr heraus. Der Mint-Behoste wendet sich zu ihr: „Am letzten Tag vor der Sommerpause, da war das auch ganz extrem. Das hat gedaaauert!“ Aha, also ist er häufiger hier. Offensichtlich sitzt neben mir ein Profi, ein Dauer-Gast, ein Prozess-Observer. Interessant!
„Die Beate Zschäpe bekommt ja pro Knast-Tag 40 Euro Verdienstausfall. Die macht da ganz schön Kohle.“ Keine Ahnung, ob diese Information stimmt, aber er trägt sie mit solcher Selbstsicherheit vor, dass man gewillt ist, ihm zu glauben. „Echt? Krass…“ Die Pinke-Haarsträhne ist ähnlich erstaunt wie ich. Plötzlicher Themen-Wechsel. „Wo sind eigentlich die bösen Nazi-Katzen hin?“ Ich glaube, mich verhört zu haben. Doch der Mint-Behoste steigt sofort auf die Frage ein. „Das ist nicht rauszukriegen, wo die sind. Ich habe alle Tierheime in Zwickau angerufen – nichts. Die heißen ja auch nicht Adolf und Josef, das waren ja zwei Mädchen, das macht’s noch schwerer.“ Ich halte kurz die Luft an. Wie bitte? Doch es geht noch weiter. Extrem engagiert und begeistert berichtet er: „Ich wär da halt voll gerne hingefahren und hätte Fotos gemacht.“ Ok, offensichtlich ist der Mann neben mir ein echter FAN!
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, geht unter uns eine Tür auf und Beate Zschäpe betritt – gemeinsam mit mehreren Polizeibeamten – wieder den Saal. Sofort sind die Katzen kein Thema mehr. Die Pinke-Haarsträhne beugt sich leicht vor. „Ich glaub, das sind schon teure Sachen, die sie trägt. Oder?“ Mein Sitznachbar nickt. „Das sucht bestimmt ganz frauen-mäßig die Sturm für sie aus.“ Leider wird das Gespräch durch das Erscheinen von Richter Götzl samt Hohem Senat unterbrochen.

15.57 Uhr, es geht wieder weiter. Dass nun auch noch Verteidiger Heer verschwunden ist und nur noch Anwalt Stahl neben Beate Zschäpe sitzt, wird nicht kommentiert. Die Befragung des Zeugen wird fortgesetzt, träge und zäh… Um 16.15 Uhr schließt der Vorsitzende Götzl die Sitzung mit der Ankündigung, dass die Befragung des Zeugen am nächsten Tag weiter gehe.

Beate Zschäpe erhebt sich und wendet sich – wieder von Polizisten flankiert – zur Tür. Sie hat wirklich noch nicht ganz den Saal verlassen (ich meine, ihre braunen Locken noch im Türrahmen zu sehen), da raunzt es von der Seite: „Kommen Sie jetzt bitte mal zum Ende?“ Ein Uniformierter steht neben mir und drängelt uns, nun endlich zu gehen. Toll, Anschiss Nummer 3. Ich habe weder das Geländer an der Glasscheibe angefasst noch eigenmächtig die Schleuse betreten – ich bin einfach nur nicht wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen, um panikartig den Saal zu verlassen. Was soll denn dieses uniformierte Gemotze heute…?

Auf dem Weg durch das Treppenhaus hinunter laufe ich übrigens hinter dem Mint-Behosten und der Pink-Gesträhnten her. „Sie hat zu ihrem Anwalt ‚Bis morgen!’ gesagt. Und dabei gelächelt.“, haucht sie zärtlich. Der Mint-Behoste nickt wohlwollend. Ich schlucke trocken, von so viel ehrlicher Begeisterung irgendwie überwältig und entsetzt zugleich. Und muss irgendwie wieder an die Nazi-Katzen denken. Wo die jetzt wohl sind…?

Text: © Anne-M. Keßel | September 2014
Foto: © Anne-M. Keßel

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