Transmedia Day 2014

Was genau ist eigentlich „transmedia storytelling“?
Handelt es sich dabei nur um einen aktuellen Trend, oder tatsächlich um einen Paradigmenwechsel?
Wird es die Art und Weise, wie wir in Zukunft Geschichten erzählen und erleben, wirklich beeinflussen bzw. grundlegend verändern?
Und was bedeutet das eigentlich für mich, als Autorin?

Ein Bericht – von Anne-M. Keßel

Am 20. März 2014 hatte das Bayerische Filmzentrum zum „Transmedia Day 2014“ geladen – und rund 350 akkreditierte Gäste fanden sich im AudimaxX der HFF München ein, um sich über „transmedia storytelling“ weiterzubilden.

Einer der internationalen Gastredner war Lance Weiler, der sich selbst u.a. als  „Experience Designer“ bezeichnet und der in seinem Vortrag „Building Storyworlds“ über „art, craft and biz of storytelling“ referierte.
Für Weiler ist klar: die Medienindustrie verändert sind – und wir Kreative sollten das als Chance sehen und diese Herausforderung annehmen! Die Möglichkeiten, die moderne Technologien im Bereich der Kommunikation, Produktion und Distribution bieten, öffnen das Feld der Möglichkeiten, wie in Zukunft Geschichten erzählt werden können: nämlich nicht mehr nur als passiver Konsum, sondern als aktives Erlebnis. “Experience” ist hier das Zauberwort, getreu dem Motto: “Mittendrin, statt nur dabei!”. Transmedialität bezeichnet daher also die Verknüpfung unterschiedlicher Kanäle zu einer medienübergreifenden Erzählung. Weiler spricht in diesem Zusammenhang auch von der “storyworld”, in der das Publikum (Weiler: “people formerly known as the audience”) Teil einer “Experience”, also einer Erzähl-Erfahrung, wird.
Nach Weiler blieben Geschichten, also der emotionale Kern einer jeden Erzählung, seit Jahrtausenden gleich – nur die Art und Weise, wie Geschichten erzählt würden, verändere sich dabei. Für Weiler ergibt sich daraus die zentrale Fragestellung, wie sich die drei vermeintlich separaten Parameter „content“, „platforms“ und „audience“ zusammen bringen lassen. Dem modernen Zuschauer spricht er dabei – im Zeitalter der globalen Vernetzung sowie der digitalen Produktion und Distribution – eine zweigeteilte Aufgabe zu: er ist nämlich nicht mehr nur reiner Konsument, sondern zunehmend und immer auch potentieller Produzent.
Seine ganz persönliche, „befreiende“ Erfahrung mit der digitalen Produktion machte er 1996/97, als er für insgesamt 900 US-Dollar einen abendfüllenden Spielfilm mit dem Titel „The last Broadcast“ drehen konnte. Zu Zeiten der reinen Zelluloid-Produktion wäre das mit diesem minimalen Budget undenkbar gewesen! Aber Mitte der Neunziger brachen die vom Geld regierten und dominierten Produktionsmöglichkeiten auf einmal auf: plötzlich konnte man kostengünstig auf Video drehen und schneiden! Lance Weiler war von den neuen Möglichkeiten fasziniert und wollte ausloten, in wie weit sie auch das Geschichten-Erzählen beeinflussen konnten.
Seit dem sind viele unterschiedliche Projekte entstanden, so zum Beispiel „Pandemic 1.0“, eine sogenannte „transmedia storyworld experience“, die Film, Mobilfunk- und Online-Technologien, Social Network Gaming und Data Visualization zu einem großen Gesamterlebnis verschmelzen lies. Ausgangspunkt war ein auf dem Sundance Film Festival 2011 präsentierter Kurzfilm, in dem von einer Seuche berichtet wurde; nur 120 Stunden blieben dem Publikum, um mit Hilfe von Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik an einer Art Schnitzeljagd samt Geo-Cashing teilzunehmen und den Ausbruch der vermeintlichen Seuche zu stoppen bzw. einzudämmen. Die Teilnahme und der Erfolg beim Publikum waren überwältigend! Der Zuschauer konnte die Geschichte nicht einfach nur in Form des Kurzfilms konsumieren, sondern als aktiver Teil die Geschichte erfahren, sie sogar mitgestalten und produzieren.
Ein weiteres Projekt, welches Lance Weiler vorstellte, war „Body/Mind/Change“, eine Kooperation mit David Cronenberg, in dem er den „21st century writers’ room“ skizziert: eine Kombination aus Autoren, Forschern und Technologieentwicklern.
Neben noch weiteren atemberaubend kreativen und innovativen Projekten, brach Lance Weiler seiner langjährige Erfahrung im Erschaffen von umfassenden „storyworlds“ auf neun Regeln herunter (siehe Foto) und zeigte uns, dass das Publikum nicht mehr nur Konsument ist bzw. sein muss, sondern durch das Kombinieren und Verschmelzen der zahllosen Möglichkeiten digitaler Technologie zum Teil der Geschichte werden kann: interaktiv, global vernetzt, transmedial.

Anschließend betrat Kevin Foreman die Bühne – eine Google Glass auf der Nase! Der einseitig sehr breite Brillenbügel sowie der eckige Glaswürfel am oberen Rand seines rechten Brillenglases konnten selbst aus den hinteren Zuschauerreihen eindeutig als ästhetischer Fremdkörper ausgemacht werden. Zum heutigen Stand der Dinge lässt sich festhalten: Dezent ist das Ding nicht, und schick oder gar stylish schon mal gar nicht! Doch völlig unbeirrt startete Kevin Foreman seine Präsentation, in der er einen Einblick in die technologischen Entwicklungen der (nicht mehr allzu fernen) Zukunft gab. Seine Präsentation von iBeacon, Google Glass, Nymi und Myo wurde vom Auditorium mit einer Mischung aus Staunen, Unglauben und Widerwillen aufgenommen. Die Lacher, die sich während der Präsentation aus vereinzelten Kehlen im Audimax lösten, verdeutlichten als eine Art “comic relief” nur das Wechselbad der Gefühle, in dem sich Foremans Zuhörerschaft befand: dabei lagen grenzenloser Begeisterung und abgrundtiefer Skepsis, bei so manchem sicherlich auch mit einem Schuss Panik gepaart, sehr nah beieinander. Denn das nahtlose Verschmelzen von digitaler und realer Welt mutet dabei so surreal an wie aus einem ScienceFiction Film – und könnte dabei schon in wenigen Jahren alltäglicher Standard sein…

Nach den durchweg beeindruckenden Präsentationen der beiden Amerikaner, hatte Thomas Sessner die nicht ganz so leichte Aufgabe, anschließend das Interesse des Publikums auf das tri- bzw. transmediale Angebot des Bayerischen Rundfunks zu lenken. Doch mit Humor und Selbstironie konnte er den vermeintlichen Graben mühelos überspringen. So berichtete er von dem Projekt „24h Jerusalem“, bei dem die lineare TV-Ausstrahlung mit einem umfassenden Webprojekt sowie Second Screen-Angeboten flankiert wird.
Dass der BR an zukünftigen transmedialen Projekten interessiert ist, belegte Sessner mit folgenden drei Gründen: 1. Geschichten lassen sich transmedial besser und vielschichtiger erzählen. 2. Transmedialität stärke die Nutzerbindung und Interaktion. 3. Transmedialität könne den BR als modernen Medienunternehmen positionieren.
Als Ansprechpartner innerhalb des BR für eine transmediale Zusammenarbeit bei kommenden Projekten nannte Sessner die Redaktion „Film aktuell“, die sowohl Projekte realisiere als auch weitere Ansprechpartner vermitteln könne. Als Schlusswort formulierte Sessner den Gedanken, dass das Berufsbild des „transmedia producers“ schon jetzt ein heißbegehrter Posten sei – wer sich vorstellen könne, sich in diese Richtung zu spezialisieren, habe wohl in Zukunft nie mehr Jobnot zu befürchten…

Nach der Mittagspause übernahm Peter de Maegd das Podium und referierte über den Paradigmenwechsel in der Erzählung vom hierarchischen „mass media“ des 20. Jahrhunderts hin zum vernetzten „personal media“ des 21. Jahrhunderts. Die Zukunft liege eindeutig darin, dass das Publikum in einem ständigen und integrierten Feedback die Geschichte beeinflussen und gestalten könne. Dazu sei jedoch ein „call of action“ nötig, also ein Aufruf zur Aktivität beim Publikum. Als Beispiele für diese Integration von Aktion nannte er „The Spiral“ und aktuell „Cub“. Die unterschiedlichen Levels der Einbeziehung des Publikums reichen dabei vom einfach „Follow“, „Like“ und „Share“ über das aktive spielen („Play“) oder konsumieren („Pay“) hin zur Teilnahme („Presence“).

Nachdem Vivre Indren von „Creative Europe“ noch Informationen zu Fördermöglichkeiten gegeben und ein Panel (mit den bisherigen Referenten zuzüglich Dr. Klaus Schaefer vom FilmFernsehFonds Bayern sowie Clemens Hochreiter von der Reality Twist GmbH) über die Zukunft der Medien diskutiert hatte, fand die Veranstaltung mit einem geselligen Get-Together nebst Speis und Trank ihren Ausklang.

Fazit:  Es bewegt sich was in der Art und Weise, wie Geschichten zukünftig erzählt werden können! Doch eines machten so gut wie alle Redner in ihren Beiträgen deutlich: Eine schwache Geschichte kann auch nicht durch die begeisternden Raffinessen neuester Technik kom-pensiert werden. Somit gilt also auch im Zeitalter der transmedialen Erzählung das, was seit den ersten Lagerfeuer-Geschichten vor Jahrtausenden galt: „Story always comes first! Story is king!“

Text & Fotos:  © Anne-M. Keßel | März 2014

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>