Himmel

„Das wird böse enden“, murmelt Tina neben mir.
Völlig paralysiert starren wir zu dritt auf  den vierten Stock des gegenüberliegenden Nachbarhauses. Das Fenster der Wohnung gegenüber ist weit geöffnet, und auf dem Fensterbrett kniet ein kleiner, blonder Junge. Verzweifelt versucht er, an seinen dämlichen Kanarienvogel heranzureichen, der ihn von der Regenrinne aus und dabei lustig mit dem Kopf wippend bei diesem zum Scheitern verurteilten Unterfangen betrachtet.

Eine Kurzgeschichte – von Anne-M. Keßel

„Das wird böse enden“, murmelt Tina wieder und greift geistesabwesend in die Chipstüte. Markus haut auf den Tisch. „So, das reicht! Ich renn da jetzt rüber und klingel bei denen.“ Tina starrt ihn entsetzt an. „Nein, bist Du irre? Dann stürzt der doch erst recht ab. Der erschreckt sich dann doch voll.“
„Und was soll ich Deiner Meinung nach dann tun?“
„Keine Ahnung.“
„Wir können doch hier nicht einfach stehen, Chips fressen, und zugucken. Das ist kein Scheiß-Kinofilm!“
Seelenruhig greift Tina wieder in die Chipstüte. „Was willst Du denn groß machen? Da kann man gar nichts machen.“
„Was ist denn das für eine Einstellung? Du willst da jetzt echt nur zugucken? Ist das Dein Ernst???“ Markus reisst Tina die Chipstüte aus der Hand und pfeffert sie ins Spülbecken.
„Was bist du denn für eine Frau?“
„Was hat das denn jetzt mit Frau zu tun? Bin ich schon Mutter, oder was?“
„Na, stellst dir doch mal für einen Moment vor! Hast Du nicht Angst um den Kleinen?“

Die beiden streiten sich, haben sich längst vom Fenster abgewendet, da sie jetzt zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Ich hingegen kann meine Augen nicht von dem kleinen Jungen wenden. Ich kenne die Szene, genau dieses Bild. Ich war dabei, obwohl ich mich an nichts mehr erinnern kann. Ich war erst drei. Aber das Szenario ist mir so vertraut, wie ein Film, den ich immer und immer wieder gesehen habe. Meine Mutter hat mir davon erzählt. Damit ich nicht auch mal auf so eine doofe Idee komme. Und, damit wir Simon nicht vergessen.
„Sanne, ich hab hier keinen Empfang. Wo ist denn dein Festnetz?“ Markus knufft mich in die Seite. Ich zucke zusammen und schaue ihn an. Dann zeige ich in den kleinen Flur.
„Wen ruft man denn da jetzt an? 110 oder 112?“ fragt ihm Tina hinterher.
„Hauptsache, man ruft überhaupt an.“, gibt Markus ärgerlich zurück und hält sich schon den Hörer ans Ohr. Plötzlich wird sein Gesicht fahl. „Oh mein Gott!“
Wir wenden uns wieder dem Fenster zu.
Der Kleine hat sich mittlerweile bis zum Ende des Fensterbrettes heranbalanciert, mit einer Hand umklammert er die Gardine im Zimmerinneren, mit der anderen reckt er dem blöden Vogel seinen Zeigefinger entgegen. Um die Balance zu halten, winkelt er ein Bein ab, was ihm vermeintlich das Gefühl gibt, seinen Zeigefinger noch ein Stückchen mehr in Richtung Vogel schieben zu können.

 „Ja, guten Tag, mein Name ist Markus Klinger, ich bin hier in der Müllerstraße 12…“
Markus aufgeregte Stimme hinter mir. Tina und ich stehen am Fenster und starren auf den Jungen. Tinas Unterkiefer mahlen, obwohl sie doch gar keine Chips mehr zu zerbeißen hat. Das Knirschen ihrer Zähne hallt in meinem Schädel. Der kleine Junge schiebt sich weiter vor, die Gardine ist gespannt.
„Sie kommen gleich.“ Markus schmeißt das Telefon auf den Küchentisch.
Wann ist gleich?

Ich schließe die Augen. „Lieber Gott, ich habe lange nicht mehr mit Dir gesprochen…“
Ich stocke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. „Ich habe aufgehört, an Dich zu glauben, als ich alt genug war, um zu verstehen, dass Du auf Simon damals nicht aufgepasst hat. Oder nicht aufpassen wollte. Oder das irgendwie in Deinen Masterplan passte.“
Aber jetzt, jetzt könntest Du mir vielleicht doch mal helfen.
Ich kneife die Augen fester zusammen, versuche mich zu konzentrieren.
Tinas Kiefer mahlen.
„Lieber Gott. Bitte lass mich das da jetzt nicht mit ansehen müssen. Nicht noch mal.“
„Es geht Dir nur um Dich? Nicht um den kleinen Jungen da drüben?“
Hat der jetzt echt geantwortet? Ich schlucke.
„Doch natürlich geht es um den kleinen Jungen. Aber das war Dir bei Simon ja wohl damals auch egal.“
Zorn steigt in mir hoch, ich balle meine Hände zu Fäusten, bis sich meine Fingernägel schmerzhaft in die Handballen graben.
Ich habe noch nie darüber gesprochen. Vor allem nicht mit Ihm.
„Warum? Warum??? Erklär es mir!“
„Ich muss mich Dir nicht erklären.“
„Was Du musst oder nicht ist mir scheißegal. Ich will es verstehen! Ich versteh es nämlich nicht.“
„Sanne, es ist….“
„…meine Eltern haben nämlich an Dich geglaubt. Verstehst Du? Sie glauben immer noch an Dich. Warum auch immer! Aber ich, ich kann das nicht! Ich will das auch nicht. Warum? Warum???“
Gott schweigt. Es ist kein sprachloses Schweigen, es ist kein hilfloses Schweigen. Er schweigt, weil er es kann. Er lässt mich einfach hier stehen. Mal wieder.
Ich schlucke. „Ok, hör zu. Mach einfach, dass…“

„Oh…“ Tinas Kiefer lösen sich voneinander.
Ich öffne die Augen. Bitte nicht!
Das Haus gegenüber. Der Junge. Der Vogel. Er breitet seine Schwingen aus und stürzt sich in die Tiefe, wird vom Wind aufgefangen und fliegt einfach davon.
Tina, Markus, ich: wir alle schauen dem kleinen gelben Punkt nach, wie er sich in der Ferne verliert.
Als ich den Blick vom Horizont ab- und wieder dem Fenster gegenüber zuwende, sehe ich nur noch, wie der Kleine von Innen das Fenster wieder schließt und den Fenstergriff mit einem Ruck nach unten dreht. Dann ist auch er verschwunden.

Text & Foto:  © Anne-M. Keßel

One thought on “Himmel

  1. Puuh, spannend bis zum Schluß! Toll geschrieben. Ich kann mich so gut in die Situation hineinversetzen. Wie gut, dass es noch mal glimpflich ausgegangen ist. Was wäre wenn ….. ??? Das wollen wir lieber doch nicht wissen! Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte! Liebe Grüße

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