Unverbunden

Eine Kurzgeschichte -
von Anne-M. Keßel

Sie sprang nicht.

Sie stand hart an der Kante, aber sie sprang nicht.

Das Geländer im Rücken, die Hände um das kalte Metall gekrampft, hielt sie sich so fest, als ob sie die verdammten Stangen niemals loslassen wollte.

Es war der Zweifel, der nagende Zweifel, der in ihr tobte. Ein Kampf zwischen Angst und Verzweiflung. Was würde sie erwarten:

Verlust oder wieder gewonnene Freiheit?

Ich griff nicht ein, ich wartete. Wartete auf ihre Entscheidung. Die ich schon längst kannte. Je länger man an der Kante steht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich zu springen. Hätte sie wirklich springen wollen, würde sie schon lange nicht mehr da oben stehen. Es war ein berührender Anblick. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es hatte etwas verzweifelt Schönes. Wie ein Schrei, stumm in ein Bild gegossen.

Ich ging ein paar Schritte zurück, um das Szenario aus der Ferne zu betrachten.

Sie hatte sich einen schönen Ort ausgesucht. Still, abgelegen. Einsam. Allein und verlassen stand sie dort, jenseits des schützenden Geländers am Abgrund einer Brücke mitten in den weiten Feldern. Nur ein einfach asphaltierter Weg führte durch sie hindurch. Eine Verbindung zwischen zwei Dörfern, die durch die weiten Felder getrennt waren. Die Brücke hingegen verband nichts und niemandem. Denn die Autobahn, in dessen Bauplanung sie als erstes Objekt gebaut worden war, war nie realisiert worden.
Von den Bewohnern der umliegenden Ortschaften wurde sie nur „So-da-Brücke“ genannt. Weil sie einfach nur so da in der Landschaft stand, völlig zweckfrei. Aber vielleicht erfüllte sie ja heute abend einen Zweck. Der allerdings nur weiter ihre Sinnlosigkeit unterstreichen würde.

Das Mädchen zitterte. Die Nacht war kalt. Und dazu kam noch dieser immerwährende Regen, der in dünnen Fäden vom Himmel floss. Die Tropfen vermischten sich mit den Tränen auf ihrem Gesicht, liefen die Wangen herab und fielen schließlich ins Nichts. Sie zogen schwer am Gemüt des Mädchens, als ob sie ihr eine Richtung vorgeben wollten, der sie folgen sollte.

Was für ein Scheiß-Wetter, um sich umzubringen! Andererseits, vielleicht genau das richtige Wetter dafür. Wer will schon bei strahlendem Sonnenschein und Vogelgezwitscher abtreten?
Warum wollen manche Menschen überhaupt sterben? Ich dachte immer, die meisten hätten Angst davor.

Neugierig ging ich ein paar Schritte auf sie zu. Ich trat nah an sie heran, blickte ihr ins Gesicht. Sie bemerkte mich nicht. Aber ich las in ihren Augen Angst und Verzweiflung. Warum war sie wohl hier hoch gekommen?
Beziehungsweise: wie war sie überhaupt hier hoch gekommen? Mit einem Seil? Oder einer Leiter? Hatte sie diese Gerätschaften etwa durch Nacht und Gelände geschleppt, um eine Brücke zu erklimmen mit dem einzigen Streben, sich nach erfolgreicher Besteigung wieder den mühsam erarbeiteten Weg in entgegen gesetzter Richtung herunterzustürzen?
Na ja, war ja eigentlich auch egal. Jetzt stand sie jedenfalls dort oben. Und sprang nicht. Vielleicht kam sie einfach nicht mehr von alleine runter? Also, unversehrt, meine ich.

 „Hilf mir!“
Erstaunt blickte ich sie an. Und sie blickte zurück. Konnte sie mich etwa sehen?
„Hilf mir!“ Sie sah mir direkt in die Augen und wiederholte langsam das eben Gesagte.
Es war kein Flehen, kein Bitten oder Betteln. Es war ein müdes Greifen nach der letzten Gelegenheit, die sie vielleicht noch retten könnte.

Sie sah mich! Sie sprach zu mir! Aber was erwartete sie, dass ich jetzt tun sollte?

Jetzt weiß ich, was ich hätte sagen sollen. Aber kein Wort drang über meine Lippen. Stumm stand ich neben ihr, konnte nichts sagen, nichts tun.

Ihr Blick ließ mich los, schweifte in die Ferne, die wie ein schwarzes Tuch vor ihr lag und dann gen Himmel, wo die Sterne sanft über ihr glänzten. Ich folgte ihrem Blick.

Auf einmal war sie weg. Verschluckt von der Schwärze der Nacht.
Gesprungen. Doch noch…

Scheiße! Ich muss aufpassen. Wenn mir weiter so viele Fehlinterpretationen unterlaufen, bin ich bald meinen Job als Schutzengel los.

Text & Foto:  © Anne-M. Keßel

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