Die Heimat der “gelben Wand”

Borussia Dortmund ist mein Verein seit Kindertagen. Denn aus „familiären Gründen“ war schon früh klar, dass auch mein Fußball-Herz schwarz-gelb schlägt.
Ich habe meine Borussia in der BayArena (früher noch Ulrich-Haberland-Stadion), der Allianz-Arena oder (das ist aber schon sehr, seeeeehr lange her) im Müngersdorfer Stadion (heute: RheinEnergieStadion) angefeuert. Aber noch nie – NOCH NIE – war ich in ihrem Heim-Tempel, der Heimat der „gelben Wand“, dem schönsten, aufregendsten und atmosphärischsten Stadion der gesamten Bundesliga: dem Signal Iduna Park.
Heute, am 7. Dezember 2013, ist es endlich so weit!

Ein Erlebnisbericht – von Anne-M. Keßel

Ich nestele leicht nervös an meinem Fan-Schal, dem Klassiker mit den dicken schwarz-gelben Blockstreifen, in den ich bittere Tränen beim verlorenen Champions-League-Finale geweint und den ich bei der kleinen, geglückten Revanche im DFL-Supercup-Finale freudig über den Kopf gewirbelt habe.
Auch jetzt gibt er mir Halt, auf dem Weg nach Dortmund, zum Signal Iduna Park. Heute empfängt der BVB die Werks-Elf aus Leverkusen. Es geht um wichtige Punkte in dieser Meisterschaft. Es geht um den zweiten Tabellenplatz, dem Platz des „Bayern-Verfolgers-Nr.1“. Es geht also um viel, sehr viel!
Ich sitze auf der Rückbank eines BMW, der durch die feinen Regenschwaden über die Autobahn schießt. Die Scheibenwischer schlagen ein lustiges Stakkato auf der Windschutzscheibe. Doch weder das nasse Winterwetter noch die entsprechend niedrigen Temperaturen können etwas an der hitzigen Leidenschaft im Wageninneren ändern. Denn mit uns (drei Dortmund-Fans seit Jahrzehnten) im Auto sitzt Reinhold Lunow, der Schatzmeister von Borussia Dortmund!
Diesen Umstand – ebenso wie die kurzfristig besorgten Karten für das heutige Spitzenspiel – verdanke ich der Connection eines Freundes (den ich hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht namentlich nennen will, der sich aber – wenn er das hier liest – sicher angesprochen fühlen wird und bei dem ich mich hier noch mal ganz herzlich bedanken möchte).
Ich komme also in das Vergnügen, die ca. 75-minütige Autofahrt zum Signal Iduna Park Reinhold Lunow mit meinen Fragen löchern zu dürfen. Wir diskutieren über Ultras (die so wichtig für die Stimmung im Stadion und die Fan-Präsenz bei Auswärtsspielen sind) und Pyrotechnik im Stadion („Die Dinger sind ja mittlerweile so klein wie Tampons – und genau so einfach kann man sie auch ins Stadion schmuggeln…“), über die Dauerkarten-Situation bei Borussia Dortmund (Nur ca. 0,3 % der Dauerkarten wurden nach der letzten Saison nicht verlängert! Manche Besitzer haben ihre Dauerkarten seit 1989!), über den unglaublichen Hype und die Faszination, die das „Spektakel Fußball“ auch auf Politiker und andere Prominente ausübt und wie dieses Business Millionen-Gehälter für zum Teil sehr, sehr junge Menschen generiert. Jetzt – wann sonst – fällt natürlich auch der Name Mario Götze – und für eine Sekunde wird es sehr still im Auto. „Es gibt so Momente, wie den Mord an Kennedy, oder den 11. September – da weiß man, wo man war, als man davon erfahren hat. Das vergisst man einfach nicht.“ Reinhold Lunow dreht sich zu uns nach hinten: „Und jeder BVB-Fan weiß auch noch, wo er war, als er von Marios Wechsel zu Bayern München erfahren hat.“
Er hat Recht! Ich stand vorm ARRI-Kino in der Münchener Türkenstraße und wollte gerade einen Film schauen, als ich von Götzes Wechsel erfuhr. (An den Filmtitel kann ich mich übrigens trotz intensiven Nachdenkens nicht mehr erinnern…)
Wieder kriecht in mir dieses Misch-Gefühl aus Fassungslosigkeit, Unglauben und einer Prise Wut aus dem Magen hoch in den Hals. Ich schlucke. Doch im Gegensatz zu mir geht Reinhold Lunow mit einer bewundernswerten Professionalität an dieses Thema heran. Bei aller emotionaler Brisanz: Reinhold Lunow ist kein nachtragender Mensch – das darf man in diesem Business auch gar nicht sein. Überhaupt dürfe man solche Spieler-Wechsel nicht persönlich nehmen, so sei nun mal das Geschäft. Und doch berichtet Lunow kurz, wie nach der Bekanntgabe des Wechsels einige „Fans“ so dermaßen aufgebracht waren, dass Götze in Dortmund sogar Personenschutz gebraucht habe…
Kopfschütteln im Auto – und doch ist uns allen klar, dass Fußball eine sehr emotionale Sache ist! Fußball verbindet! Die Liebe zum gleichen Verein und die brennende Leidenschaft für diesen Sport reißen Klassenschranken nieder und machen uns alle – zumindest für 90 Minuten – gleich. Für die Dauer eines Spiels haben alle nur ein gemeinsames Ziel: den eigenen Club siegen zu sehen! Aber…warum ist das eigentlich so?
„Es ist genauso, wie Nick Hornby das in seinem Buch beschrieben hat. Man verliebt sich in den Fußball, wie man sich in Frauen verliebt.“ Lunow grinst vom Beifahrersitz aus nach hinten. Er reckt sein Armgelenk in die Höhe, an dem eine eindrucksvolle Armbanduhr prangt. „Die wechsel ich immer erst nach einer Niederlage. Solange wir gewinnen, trage ich die gleiche Uhr.“ Ja, Fußball hat auch viel mit Aberglauben zu tun.
Inständig hoffen wir alle, dass er diese Uhr noch lange tragen wird. Denn nach der bitteren Heimniederlage (ausgerechnet gegen die Bayern, ausgerechnet eingeleitet durch ein Götze-Tor…) wünschen wir uns alle wieder einen Siegeszug der Borussen.

Wir fahren von der Autobahn ab und gleiten durch den Dortmunder Verkehr. Obwohl wir fast drei Stunden vor Anpfiff dieses Abendspiels ankommen, neigt sich schon langsam winterliche Dunkelheit über die Stadt. Auf einmal erstrahlen die charakteristischen gelben Streben des Signal Iduna Parks im Glanz der Flutlicht-Anlage vor uns. Endlich – ich bin da!
Unser Auto biegt in die Tiefgaragen-Einfahrt direkt unter dem Stadion ein, wo Schatzmeister Reinhold Lunow natürlich einen eigenen Parkplatz hat. Unser Zufahrberechtigung sowie die Dauerkarten (die heute – als Gäste von Herrn Lunow – unsere Plätze auf der Osttribune sein werden) werden kontrolliert; dann beugt sich der Ordner durch das runtergekurbelte Fenster leicht zu uns ins Wageninnere und grinst: „Schönen Heimsieg!“ Wir grinsen zurück. Dann gibt er den Weg frei und wir fahren zwischen den Stellplätzen der Tiefgarage hindurch in die reserviert Parklücke des Schatzmeisters.
Da Reinhold Lunow noch Termine hat, verabschieden wir uns vorläufig voneinander. Während er eilig und zielstrebig zu seinem Termin entschwindet, machen wir uns auf den Weg, das Stadion zu erkunden.

Vor mir tut sich eine Welt auf! Bereits jetzt – Stunden vor dem Anpfiff – ist wahnsinnig viel los. Ein Meer aus schwarz und gelb umwogt uns. Fans drängen sich durch die breiten Gänge hinter den Stadion-Rängen. An den Fanshops und Essens- und Getränkeständen herrscht reger Betrieb. Für 2 Euro kann man die Stadionzeitung „Echt“ erwerben, ein dickes(!) Heft in Hochglanzoptik, mit allen wichtigen Infos zum aktuellen Spieltag: Hintergrundberichten zu Spielern, Vorstand und Fans; Statistiken, Reportagen und Interviews. Während ich durch das Magazin blättere nehme ich um mich herum ein wohliges Chaos an Reizüberflutung wahr. Erste Gesänge werden angestimmt, fröhlich Fahnen geschwenkt, herzhaft in Currywürste gebissen, mit Bier auf den bevorstehenden Heimsieg angestoßen, laut gelacht. Eltern werden von ihren Kindern an der Hand zum Fanshop gezerrt. Kumpels ziehen in Fan-Schwärmen zum Getränkestand. Zwei ältere Herren rauchen in aller Ruhe ihre Zigaretten, während ihre mit Aufnähern übersähten Kutten von jahrzehntelanger Fan-Treue in Schwarz-Gelb zeugen.
Ich bin verzaubert von dieser glitzernden, singenden, vor Euphorie und Liebe zum BVB sprühenden Atmosphäre. Doch meine Faszination schlägt jäh in Entsetzen um, als uns – auf unserem Rundweg durch den Signal Iduna Park – auf einmal einem Strom von Leverkusen-Fans kreuzt. Sie werden von mehreren Ordnern geleitet, die sie eilig in den Gäste-Fanblock dirigieren. Wir bleiben stehen, da uns der Strom von Leverkusen-Fans am Weitergehen hindert. Schwarz und Rot leuchten ihre Trikots, Schals und Fahnen, wie Hass und Blut. Ihr lauter, ohrenbetäubender Fangesang wird von den dicken Betonwänden zurück geworfen, er klingt trotzig und laut und aggressiv. Im „feindlichen“ Stadion muss man sich wohl besonders kämpferisch geben.
Auf einmal schaut mich ein Augenpaar aus dieser Menge an Leverkusen-Anhängern an. Ein junger Mann, kurze blonde Haare. Er fixiert mich. Seine Augenbrauen sitzen wie V-förmige Balken in der gefurchten Stirn. Hass sprüht mir entgegen. Grundloser, aber dennoch tiefsitzender und aus innigster Überzeugung entsprungener Hass.
Sein Arm schnellt vor, in meine Richtung, und er streckt mir seinen ausgefahrenen Mittelfinger mit solch einem Nachdruck entgegen, als würde er ihn mir am liebsten rektal einführen, um mich von innen am Hals zu kratzen. Ich bin ehrlich erschrocken. Und entsetzt.
Doch dann ist der kurze Moment auch schon vorbei, die Leverkusen-Fans ziehen in einer endlos scheinenden Schlange in den Gäste-Fanblock und an mir vorbei. Hätte ich es nicht schon vorher gewusst: spätestens jetzt wäre mir klar, dass Fußball eine sehr, seeeehr emotionale Angelegenheit ist.

Kurz vor 18.30 Uhr. Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Wir haben mittlerweile unsere Sitzplätze auf der Osttribüne eingenommen. Links von mir türmt sich „die Süd“, die größte Stehplatztribüne Europas: ein Meer aus 25.000 Menschen in Schwarz und Gelb! Die Stimmung ist bombastisch! Fangesänge hallen durch das Stadion, aus zehntausenden Kehlen und mit tiefster Inbrunst über das vom Flutlicht erhellte Spielfeld geschmettert. Dazu ein rhythmisches Klatschen, das sich wie ein stampfender Herzschlag durch das ganze Stadion auszubreiten schein. Es fühlt sich an, als ob der ganze Signal Iduna Park vibriert, in einer fiebrigen Aufgeregtheit, in einer nervösen Vorfreude auf das Spiel.
Norbert Dickel, eine wahre BVB-Legende und Stadionsprecher, steht auf dem Rasen, vor ihm ein Kamerateam, das sein Konterfei auf die riesigen Video-Leinwände überträgt. Über die Stadion-Lautsprecher ertönt seine Stimme, die die Mannschaftsaufstellung von Borussia Dortmund bekannt gibt. Jeder Spieler-Name wird aus zehntausenden Kehlen in den vom Flutlicht erhellten Nachthimmel gebrüllt. Der Signal Iduna Park bebt!
Dann die BVB-Hymne. Alle erheben sich von ihren Plätzen, so mancher Fan greift sich symbolisch auf Herzhöhe an die Brust. Das ganze Stadion singt! Eine Gänsehaut zieht sich über meinen Körper, denn ich bin Teil einer Atmosphäre, der man sich einfach nicht entziehen kann.

Ich habe diese emotionale Achterbahnfahrt kaum verarbeitet, da laufen auch schon die Spieler ein. Bis auf den – im Vergleich zum restlichen Stadion winzig wirkenden – Gäste-Fanblock, gröhlt, pfeift und jubelt der komplette Signal Iduna Park für die Spieler in schwarz-gelb. Schiedsrichter Florian Meyer (den Namen habe ich aus der „Echt“) pfeift an – 90 Minuten Bundesliga-Spitzen-Kampf beginnen.

Kaum zehn Minuten sind gespielt, als sich aus unserer Reihe ein recht korpulenter Mann mit zwei leeren Bierbechern an uns vorbei Richtung Treppen-Aufgang zwängt. Neben mir sitzt ein bärtiger Endvierziger, bei ihm untergehakt eine Blondine in dickem Thermoanorak samt Fell-Kragen. Er starrt auf das Spielfeld. „Das ist ja eine Sicht…wie im Fernsehen.“ Ich nicke zustimmend. Auch ich bin begeistert von den Plätzen. Doch dann kommt der Nachsatz, der das zuvor Gesagte in ein gänzlich neues Licht rückt: „Auf unseren alten Plätzen saßen wir viel näher am Spielfeld. Da konntest Du die Spieler beim Einwurf anfassen.“ Aha, verstehe – der Mann ist ENTTÄUSCHT von diesen Bomben-Sitzplätzen. Er schaut mich mit einem Achselzucken an. „Das war in der Turkish-Airways-Lounge. Aber da sollen die Karten ab dieser Saison 10.000 Euro kosten. Das war uns dann aber echt zuviel.“ Die Blondine nickt bestätigend. Dann kramt sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche und zündet sie sich genüsslich an. Das darf man hier nämlich noch. Genauso wie Bier-trinken oder Currywurst-essen. In diesem Stadion darf man noch Mensch sein!
„Haben Sie hier auch Dauerkarten?“ Der Bärtige schaut mich freundlich an. Ich verneine und kläre darüber auf, dass wir nur Gäste der tatsächlichen Dauerkarten-Besitzer sind. Der Bärtige nickt kurz. „Bisher hat immer unsere Tochter hier gesessen, daher kennen wir unsere neuen Sitznachbarn noch nicht.“
Der Dicke von vorhin drängelt sich wieder durch die Sitzreihe, seine beiden Plastikbecher randvoll mit Bier gefüllt. „’tschuldigung, ’tschuldigung, dankeschön, ’tschuldigung…“ Haarscharf verfehlt sein schwerer Winterstiefel meinen Fuß. Die Beinfreiheit ist wahrlich beschränkt, eigentlich kann man kaum durch die Sitzreihen gehen, ohne irgendwen irgendwo anzurempeln. Aber egal. Wir verfolgen wieder das Spiel auf dem Platz. Die Süd macht weiter Stimmung. Keine Sekunde herrscht Ruhe, die „gelbe Wand“ scheint nicht mal Luftholen zu müssen. Das Singen, Klatschen, Trommeln, Feiern zieht sich ohne Unterbrechung durch das ganze Spiel. Es ist der Wahnsinn!

Dann: die 18. Minute. Die Leverkusener erzielen das 1:0! Kurzer Schock-Moment, dann wird weiter angefeuert. Das ganze Stadion erhebt sich von seinen Plätzen – alle stehen auf und klatschen rhythmisch in die Hände. Los, Jungs! Weiter! Vorwärts! Macht uns stolz!
Erneut drängelt sich der Dicke durch die Reihe, die beiden Bierbecher in seiner Hand: leer. Mein bärtiger Nachbar kann sich einen augenzwinkernden Kommentar nicht verkneifen: „Ihr habt aber Durst.“
„Hey, ist doch Samstag!“ Der Dicke verfehlt erneut nur knapp meine Fußspitze, dann entschwindet er in die Katakomben, höchstwahrscheinlich zum Getränkestand.

Unsere Borussia läuft und kämpft gegen den Rückstand an. Doch irgendwie fehlt uns heute neben der ganzen Lauf- und Kampfbereitschaft wohl das nötige Quäntchen Glück – und ein unparteiischer Schiedsrichter. (An dieser Stelle sei vermerkt, dass ich hier natürlich kein objektiver Berichterstatter sein kann…)
Immer werden nur unsere Spielzüge als Abseitsstellungen abgepfiffen, nur unserer Spieler foulen; die Fouls an den Borussen bleiben hingegen ungepfiffen…
Erneut schallt Schiedsrichter Meyers Trillerpfiff durch die Nacht. Doch diesmal bleibt es nicht beim unterschwelligen Murren der Stadionbesucher. Im Gegenteil: Ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert setzt ein. Es ist, als würde man das metallische Knirschen eines in die Vollbremsung gehenden Schnellzugs mit dem Kreischen von mehreren Dutzend Kreissägen addieren und das ganze mit 10 multiplizieren. Es ist unvorstellbar! Laut und schrill und böse: Ausdruck schärfsten Dissenses mit der Schiedsrichter-Entscheidung. Ich habe das Gefühl, als ob mir meine Trommelfelle im Gehörgang flattern und sich der Ton bösartig in mein Hirn fräst.
In diesem akustischen Inferno kommt – von der Ungerechtigkeit auf dem Rasen gänzlich ungerührt – wieder der Dicke an, schiebt sich und zwei randvolle Bier-Becher durch die Reihen. „Jau, danke… ’tschuldigung.“

Halbzeitpause. 15 Minuten ohne Spieler-Präsenz auf dem Rasen. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. Die Süd feiert weiter – trotz Rückstands. Wir haben ja auch noch 45 Minuten.
Wir bleiben auf unseren Plätze sitzen, eng in unsere dicken Jacken eingemummelt. Der fiese Nieselregen wird – vom kalten Dezemberwind zerstäubt – unter das Tribünendach geweht und legt sich in mikroskopisch kleinen Kälte-Tropfen auf Gesicht, Haare und Brillengläser. Gerne möchte ich mal im Sommer wieder kommen. Überhaupt habe ich innerlich schon lange beschlossen, möglichst bald wiederzukommen. Die Stimmung in diesem Stadion ist einfach mit nichts zu vergleichen!

Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Die Borussia kämpft – unterstützt von fast 80.000 BVB-Fans! Doch der Ausgleich will einfach nicht fallen.
Plötzlich der Schock: Sven Bender, der „eiserne Manni“, bleibt nach einer Attacke auf dem Rasen liegen. Schnell eilen die Medics herbei. Bender windet sich immer noch auf dem Boden. Das Stadion hält kurz den Atem an.
Hat nicht sogar Jürgen Klopp mal über Benders Leidensfähigkeit gesagt, dass da, wo andere den Fuß wegziehen, „Manni“ noch den Kopf hinhalte? Sven „Manni“ Bender, unser Iron Man? Jetzt humpelt er, gestützt auf zwei Sanis, mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz. Das sieht nicht gut aus. Gar nicht gut…
Als Bender an der Seitenlinie entlang um das halbe Spielfeld gehumpelt und endlich an der Trainerbank, die genau unterhalb der Osttribüne liegt, angekommen ist, erhebt sich mein Block von den Sitzen und klatscht, um ihm Mut zu machen. Für ein paar Sekunden achten wir nicht aufs Spiel, sondern nur auf unseren verletzten Spieler, der mit einem bitteren Lächeln und zusammengebissenen Zähnen in den Kabinengang humpelt.
Wir haben uns kaum wieder hingesetzt, da kommt wieder der Dicke vorbei, erneut mit zwei leeren Bierbechern. Himmelherrgottnocheins – jetzt nervt’s aber wirklich langsam! Mein bärtiger Nachbar stupst mich an: „Ist das in dieser Reihe immer so?“ Ich kann nur die Achseln zucken, denn – wie bereits gesagt – nicht wir sind die Dauerkartenbesitzer. Entgeistert guckt der Bärtige dem Dicken nach, der schon wieder Getränke-Nachschub holt. Wahrscheinlich befürchtet er, dass er die restlichen Heimspiele dieser Saison mit der Trinkwut dieses Reihennachbarn leben muss…

Kurze (und möglichst emotionslose) Zusammenfassung der letzten ca. 15 Spiel-Minuten: es fallen keine weiteren Tore, neben einer roten (80. Minute, Spahic – Leverkusen) gibt es noch eine gelb-rote Karte (92. Minute, Sokratis – Dortmund) und auch Sahin muss humpelnd vom Spielfeld eskortiert werden. Zwei verletzte Dortmunder! Und das so kurz vor dem alles entscheidenden ChampionsLeague-Spiel gegen Marseille in vier Tagen! Es ist zum Haare raufen!
Dann ist Schluss. Schiri Meyer pfeifft ab. Das Spiel ist aus. 0:1 verloren…

Die Schmähgesänge des im Vergleich zum restlichen Stadion winzig wirkenden Gäste-Fanblocks schallen zu uns hoch. „Scheiß-BVB! Scheiß-BeeVauBee-heeeee!“ Die Leverkusen-Fans tanzen! Plötzlich packt mich ein kurzer, bisher unbekannter Schmerz: Es tut weh, im eigenen Stadion verhöhnt zu werden!
In mir beginnt ein unbändiger Zorn zu lodern, der sich am liebsten in einem-Leverkusen-Fan-auf-die-Schnauze-hauen entladen möchte. Das ist albern und unreif, und das weiß ich auch. Aber jetzt ist man einfach an dem Punkt, wo rationale Logik und kühle Beherrschtheit ausgeschaltet sind. Wer es bis jetzt noch nicht begriffen hat: Fußball ist eine sehr emotionale Angelegenheit!

Ca. eine Stunde später: Wir verlassen unseren Auto-Stellplatz unter dem Stadion, biegen ab in Richtung Autobahnauffahrt; der hell erleuchtete Signal Iduna Park verschwindet langsam durch die Heckscheibe. Nur das Gelb der mannigfachen Leuchtbanner strahlt in den schwarzen Nachthimmel über Dortmund. In meinen Ohren hallen noch die Fangesänge der Südtribüne nach und wenn ich die Augen schließe, sehe ich ein wogendes Menschenmeer in schwarz und gelb. Scheiß auf die Niederlage! In vier Tagen gewinnen wir wieder! Ganz bestimmt! 

Für alle, die es immer noch nicht verstanden haben: Fußballfan zu sein ist eine sehr, sehr emotionale Angelegenheit.

Ganz besonders in diesem Stadion!

Text: © Anne-M. Keßel | Dezember 2013

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