Die soziale Kante – Dirk Boltersdorf

Anfang 2008 traf und interviewte ich Dirk Boltersdorf, um als Aufgabe für die HFF München das Berufsbild des Sozialarbeiters zu recherchieren. 

Ein Portrait – von Anne-M. Keßel

Ich treffe Dirk Boltersdorf in einer seiner Arbeitsstellen, der „Drobs“, der Drogenberatungsstelle in Düren. Die kurze Zeit, die ich gebeten werde, im Wartezimmer noch Platz zu nehmen, wird mein Blick auf ein riesiges Plakat an der Wand gelenkt: „Achtung! Dealen in jeglicher Form, Gewalt und Gewaltandrohung führen zu sofortigem Hausverbot!“. Das zeigt mir, welche Klientel sonst in diesem Raum Platz nimmt. Das Haus liegt direkt an der Hauptstraße, draußen donnern die LKW vorbei, dass die dünnen Scheiben klirren. Dann mischt sich in den Straßenlärm das gemütliche Geräusch von knarrenden Holzdielen. Jemand kommt die Treppe herauf, steht schließlich im Türrahmen: Dirk Boltersdorf, ein Enddreißiger, der aber jünger wirkt. Groß gebaut, breite Schultern, die blonden Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz zurückgebunden. Er wirkt sportlich, durchtrainiert und unglaublich sympathisch.
Sein Handschlag ist kurz und fest, dann steigen wir die enge Holztreppe noch einen Stock höher. Dort oben, unter dem Dach, ist sein kleines Büro. Freundlich räumt er einen Stuhl frei von Bücher- und Papierstößen und stellt ihn auffordernd neben seinen an den Tisch.
Mein Blick schweift auf die postergroßen Fotoabzüge, die mit Stecknadeln an die Dachschräge geheftet sind. Es sind Bilder mit großen, azurblauen Wellen, die von einem Surfer durchkreuzt werden. Obwohl dessen Haare offen sind und nass am Kopf anliegen, ist der Wellenreiter nur unschwer zu erkennen.

Sport zieht sich wie ein roter Faden durch Boltersdorfs Leben. Windsurfen und Wellenreiten haben es ihm dabei besonders angetan. In seiner Reihenhaushälfte, in der er seit knapp zwei Jahren gemeinsam mit seiner Freundin Susanne wohnt, hängt über dem Schreibtisch eine große Weltkarte. Mit roten Stecknadelköpfen sind dort seine Urlaubsziele markiert, natürlich liegen alle am oder im Wasser. Die grünen bezeugen, wo er bereits die Wellen geritten hat. Kapstadt, Hawaii und Teneriffa sind nur drei von vielen.
Aber auch beruflich darf Boltersdorf die Bretter, die für ihn die Welt bedeuten, besteigen. Denn seine beiden Arbeitsstellen, die Drogenberatungsstelle, die in einem Verbundsystem eng mit der „Endart Kulturfabrik“ verbunden ist, bietet regelmäßig Surfkurse an. Zielgruppe sind Jugendliche aus sozialschwachen Familien und mit Drogenproblemen. Diese dreitägigen Wochenendekurse werden fünf Mal im Jahr angeboten, immer ist Boltersdorf dabei. Denn das eine Jahr zwischen Zivildienst und Studienantritt verbrachte er als Surflehrer auf Fuerteventura.
Aber auch bei der so genannten „Schweden-Freizeit“, die jedes Jahr im Sommer stattfindet, ist er als Betreuer dabei. 14 Tage lang verbringen er, ein Kollege und ungefähr 12 Klienten in einem Blockhaus in der Wildnis. Ohne fließendes Wasser, ohne Strom, ohne Heizung. Jede Selbstverständlichkeit muss hier hart erarbeitet und damit schätzen gelernt werden. Kein Fernseher, kein Telefon, nicht mal eine Handyverbindung können dort den Weg zu und die Auseinandersetzung mit einem selber stören. „Das ist schon eine extreme Erfahrung, diese völlige Stille. Da hörst du keine Autos, keine Flugzeuge, nichts. Jeder muss mit sich selbst klar kommen. Da kann man sich nicht einfach vor den Fernseher knallen und ablenken lassen. Du musst dich auseinandersetzen, mit dir und deinen Problemen.“
Die Surfkurse in Holland und die „Schweden-Freizeiten“ bilden aber nur einen kleinen Teil der Freizeitangebote von „Drobs“ und „Endart“. An viele weitere Wochenenden werden noch Kanu- und Fahrradtouren mit Klientengruppen unternommen. Solche Angebote sind wichtig, denn ohne diese sozialen Kontakte wären wohl bereits viele völlig vereinsamt und auf der Strecke geblieben. Es ist halt doch einfacher, mit anderen Anti-Alkoholikern auf einem Wochenendtrip der „Drobs“ zu gehen, als bei einem regulären Reiseveranstalter dem Alkohol widerstehen zu müssen.

Eben weil Boltersdorf nicht den klassischen Bürojob macht, wird die gemeinsame Zeit mit Freundin Susanne manchmal knapp. Denn die Wochenenden, die er nicht mit berufsbedingtem Sport verbringt, steht er in der „Endart“, entweder hinter oder auf der Bühne. Die „Endart Kulturfabrik“, ein eingetragener Verein, hängt eng mit der „Drobs“ zusammen. Boltersdorf arbeitet für beide Institutionen, in den 10 Jahren seit seinem Einstieg im Anerkennungsjahr hat er sich bis zum 2. Vorsitzenden der „Endart“ gemausert. Sie besteht aus einem alten Fabrikgebäude aus rotem Backstein und bietet nach langen und teuren Renovierungs- und Umbaumaßnahmen nun Platz für eine Disco mit mehreren Areas. Wenn im Sommer auch noch der Biergarten auf der Dachterrasse geöffnet ist, passen locker 1200 Menschen in den Laden. Das ist für Düren eine Menge und im Vergleich zu den nahe gelegenen Metropolen Köln und Aachen durchaus konkurrenzfähig.
Dass die Drogenberatungsstelle Veranstalter der dort stattfindenden Disco-Partys ist und problemlos Alkohol auf ihnen ausschenkt, „ist schon ein gewisser Widerspruch. Aber du hättest keine Möglichkeit an potentielle Klienten ranzukommen, wenn man Anti-Alk-Discos macht.“ Viel zielführender sei, dass die nicht-alkoholischen Getränke mit je 50 Cent deutlich günstiger als die alkoholischen seien. Und es, dezent im Hintergrund, Infostände bei jeder Veranstaltung gibt. Das pädagogische Moment wird dabei immer sehr defensiv gehandhabt, denn schließlich „hat keiner Bock darauf, bekehrt zu werden. Du darfst es nicht so aufziehen: wir, die Drogenberatung, machen hier eine Veranstaltung für euch Drogenabhängige. Das will natürlich keiner hören.“
Das Konzept war äußerst erfolgreich. Es brachte den erwünschten Kontakt zur Szene und spülte Geld in die Kassen, das wieder in das Projekt reinvestiert wurde. Boltersdorf ist für den reibungslosen Ablauf der Partys und Konzerte, die fast jedes Wochenende in der „Endart“ stattfinden, verantwortlich. Er verhandelt mit Musikern und DJs, steht aber auch gerne mal selbst hinter den Turntables oder mit seiner eigenen Band auf der Bühne. Mit großem Engagement und grenzenloser Begeisterung macht er seit über 20 Jahren Musik. Neben Surfbrettern zieren unzählige Gitarren und Bässe seine Wohnung.
Bassunterricht hatte er als Fünfzehnjähriger übrigens damals in der „Drobs“, in der er jetzt arbeitet. Und eine seiner krassesten Erfahrungen stammt auch aus dieser Zeit. Ein ganzkörpertätowierter Punk sprach den wartenden Jungen damals an und bat um Feuer. Als Boltersdorf bedauernd feststellte, dass er Nichtraucher sei, rastete der unter Drogeneinfluss stehende Mann aus. Er zog ein Messer und nur die schwere Lederjacke vom Großvater, die Boltersdorf bei dem Torerokampf um den Billardtisch als Abwehr vor sich hielt, verhinderten Schlimmeres. Die Jacke hat er übrigens noch heute. Und die Messerstiche sind auch noch drin.
Dieses Erlebnis war so prägend, dass er seit diesem Tag nie wieder zum Bassunterricht ging. „Dieses Erlebnis hat mich schon schwer geschädigt“, gibt er – mittlerweile jedoch schmunzelnd – zu. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Boltersdorf eigentlich Architekt werden wollte. Zur großen Freude seiner Eltern. Die nach dem Zivildienstes ihres Sohnes allerdings entsetzt feststellen mussten, wie schnell sich so ein Berufswunsch ändern kann. Das Erlebnis vom Bassunterricht war durch die positiven Erfahrungen beim Zivildienst wie weggewischt: „Meine Zivildienststelle hat mich ziemlich umgekrempelt“. Nach seiner Arbeit mit behinderten Menschen als Zivi bei der „Lebenshilfe“ in Düren „war mir klar, dass es mehr in die Richtung Sozialwesen, Sozialarbeit geht.“ Vater und Sohn hatten in jener Zeit erheblichen Diskussionsbedarf, aber der Sohn setzte sich schließlich durch.

Beratertätigkeiten, das klassische „Brot“ des Sozialarbeiters, hat Boltersdorf eigentlich nie ausgeführt. Außer einer kurzen Zeit, in der er in 7. und 8. Klassen an Schulen Suchtprophylaxe betrieben hat, hat er keine beratenden Gespräche mit Klienten geführt.
Boltersdorf ist sowieso irgendwie ein „anderer“ Sozialarbeiter. Er gibt selbst unumwunden zu, dass er sich mit einer Vielzahl von Dingen beschäftigt, die nicht zum Job eines Sozialarbeiters gehören. Und dass seine fachliche Kompetenz durch mangelnden Praxiseinsatz äußerst bescheiden ist. Er ist keiner, der jeden Tag im Büro sitzt, Klienten berät und Akten wälzt. „Ich kann eigentlich nix richtig, aber alles irgendwie“, beschreibt er sich unbescheiden selber. Das wirkt jedoch nicht unsympathisch, ganz im Gegenteil. Wenn man dann hört, was Boltersdorf alles zu seinem Aufgabenfeld zählt, kann man von Kompetenzmangel eigentlich nicht sprechen. Mit kindlicher Freude berichtet er von den Freizeitangeboten, die er betreut. Von den Konzerten und Partys in der „Endart“, die er initiiert. Von den Wohnhäusern, die die „Drobs“ erworben hat um ehemaligen Klienten Wohnraum anbieten zu können und um die er sich kümmert. Und von seinen vielfältigen EDV-Tätigkeiten und -Innovationen.
Im Grunde war es genau so einer wie Boltersdorf, den die „Drobs“ damals als Jahrespraktikanten suchte. Ein Glücksfall für beide. Denn kompetente und qualifizierte Berater gab und gibt es genug. Was fehlte, war einer, der mit Elan an die bis dahin stiefmütterlich behandelte Pressearbeit ging. Einer, der durch Events den Fokus der Öffentlichkeit auf die Arbeit von „Drobs“ und „Endart“ richtete. Einer, der die Drogenberatungsstelle mit einem Computernetzwerk durchzog, der zwei Homepages einrichtete und seitdem liebevoll pflegt. Und einer, der mit Herz und Seele und unermüdlichem Einsatz dabei ist. Dass sie so einen wie Boltersdorf suchten, wussten die Leiter der Einrichtung damals, vor 10 Jahren, selbst noch nicht. Er brachte sie in seinem Bewerbungsgespräch selbst darauf: „Ich war total baff, als die mir erzählten, was die so alles machen. Ich hatte damals schon 6 Jahre beim Radio gejobbt, aber nie was davon gehört. Da fragte ich sie ganz offen, wer denn diese schlechte Pressearbeit machen würde.“ Ja, keiner so richtig. Boltersdorf hingegen sprudelte über vor Ideen. 15 Minuten später bekam er die Zusage. Und hatte sich gegen seine Mitbewerberin, die durch viel Erfahrung in der Klientenberatung eigentlich besser qualifiziert für den Job schien, durchgesetzt.
Dass Boltersdorf sich nicht zum „Schreibtischhengst“ entwickelt hat, ist nicht selbstverständlich. Denn er hat seinen Beruf, Soziale Arbeit, ganz klassisch studiert; 1996 machte er sein Diplom an der FH Köln. Aber schon seine Diplomarbeit fiel aus der Rolle. Boltersdorf hatte sich in den Kopf gesetzt, als erster Student sein Diplom durch einen Videofilm zu erwerben, den er auch noch eigenhändig am PC, damals einem Pentium I, schneiden wollte. Das bot sich an, denn sein Fachbereichs-Schwerpunkt lag auf Medienpädagogik. Aber dennoch war das Unternehmen äußerst aufwendig zu realisieren. Für damals knapp 1500 DM kaufte er sich eine Videoschnittkarte und rüstete sich mit weiterem Technikequipment aus. Dann wollte er eine schwer erziehbare Jugendliche begleiten, die in einem Betreuten-Wohnprojekt wieder aufgebaut werden sollte. Doch es waren erst wenige Szenen gedreht, als seine „Hauptdarstellerin“ rückfällig wurde und wieder auf dem Bahnhofsstrich landete. So musste sich Boltersdorf einen neuen Protagonisten suchen und begleitete schließlich vier Monate lang einen Alkoholiker. Das war bis dahin und vielleicht auch seit dem seine intensivste Erfahrung im sozialarbeiterischen Bereich. „Das war schon hart, wenn der dir erzählt hat, wie er in der Klinik liegt und Suchtdruck hat und schließlich sein Aftershave säuft. Es war ziemlich aufrüttelnd, das so intensiv zu erleben.“, erinnert er sich. Doch technischer und psychischer Aufwand wurden belohnt: Boltersdorf schloss sein Diplom mit Auszeichnung ab. Sein Video wird übrigens noch heute als Lehrfilm an der FH Köln gezeigt.
Mit dem Diplom in der Tasche drängte es ihn aber nicht, sich auf Stellenausschreibungen zu bewerben. Um sein Studium zu finanzieren hatte er nebenher viel beim Radio gearbeitet und so bot sich die Gelegenheit zu einem 6-monatigen Job in Afrika, bei „Capetown Radio“. Auch nach der Rückkehr ergaben sich weitere Jobs bei diversen Radiosendern. In einer seiner Sendungen saß schließlich Peter Verhees, damals wie heute wichtiger Kopf des „Drobs“-Teams. Nach der Sendung ergab sich ein Gespräch, in dem Verhees fragte, ob Boltersdorf nicht jemanden kennen würde, der an einem Jahrespraktikum interessiert wäre. So auf die Idee gebracht gelangte Boltersdorf schließlich doch noch zu seinem Anerkennungsjahr. Der Rest ist Geschichte.
Seit fast 10 Jahren arbeitet er nun in „Drobs“ und „Endart“. Jeder Tag ist anders, jeder Tag besonders. Irgendwie ein großes Abenteuer, ein Spaß, der aber mit viel Verantwortung verbunden ist. Dessen ist sich Boltersdorf absolut bewusst. Doch es ist auch ein Glücksfall, wie sich diese Einrichtungen und Boltersdorf, der Sportler und Musiker, gefunden und ergänzt haben. Auch, wenn die Arbeit kraftraubend, zeitintensiv und manchmal sogar körperlich gefährlich ist.

Denn jeden Montagabend wird Fußball gespielt, draußen, bei Wind und Wetter. Die Teams bestehen aus gemischten Gruppen, d.h. aus Beratern und Klienten. Die Klienten sind harte Jungs, ehemalige Drogenabhängige und Gefängnisinsassen. Drei Jahre Knast sind das Minimum. In denen haben sie lernen müssen, sich körperbetont durchzusetzen. Und diese Erfahrung geben sie beim Spielen an ihre Mitspieler weiter, sowohl an Freund als auch an Feind. Boltersdorf wird gerne auch mal vom eigenen Mitspieler brutal umgegrätscht. Freundin Susanne musste in den letzten neun gemeinsamen Jahren schon diverse Bänderrisse und einen Jochbeinbruch ertragen. „Ich hasse Fußball mittlerweile. Jeden Montagabend frage ich: ‚Na, was ist diesmal wieder passiert?’. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er es mir extra nicht sagt, damit ich mir keine Sorgen mache.“ Auf die Frage, warum er nicht einfach in einen „normalen“ Fußballverein geht, reagiert Boltersdorf ganz souverän: „Das gehört zum Job dazu. Das ist für mich soziale Arbeit.“

Text:  © Anne-M. Keßel | Februar 2008
Foto:  © Dirk Boltersdorf

One thought on “Die soziale Kante – Dirk Boltersdorf

  1. Sehr interessant und gleichzeitig überaus spannend geschrieben. Das motiviert richtig! Das müsste – sollte – viel mehr Leuten zugägnlich gemacht werden, damit es Nachahmer in ganz Deutschland findetm, die wissen, wo man Unterstützung und Zuspruch findet. Grüße aus der Heimat!!! A.

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