Das Lächeln der Beate Zschäpe


Es geht doch nichts über Vor-Ort-Recherche!

Am 17. September 2013 habe ich als Besucher erstmalig den NSU-Prozess in München besucht.


Ein Erlebnisbericht – von Anne-M. Keßel

Dienstag, 17. September 2013, 8.40 Uhr:
Langsam verlasse ich den U-Bahnsteig „Stiglmaierplatz“ und zuckele mit der Rolltreppe gemächlich an die Oberfläche. Ein wolkenverhangener Himmel empfängt mich, Regen liegt in der Luft. Der Herbst ist da.
Ich gleite die letzte Stufe hinauf, verlasse die Rolltreppe und  drehe mich um 90 Grad – schon stehe ich vor dem Münchener Strafjustizzentrum. Der Vorplatz ist mit einigen Kamerateams und Reportern gefüllt. Es ist nicht brechend voll, aber man hat dennoch sofort den Eindruck, dass hier heute etwas von medialem Interesse verhandelt wird.Für meinen allerersten Besuch einer öffentlichen Gerichtsverhandlung habe ich mir gleich ein „Schmankerl“ herausgesucht – den NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe! Ich hätte mich auch in jede andere öffentliche Verhandlung gesetzt – mir geht’s im Grunde nur darum, mal eine Gerichtsverhandlung aus der Nähe zu beobachten. Aber dass es nun nicht „irgendein“ Prozess ist, sondern tatsächlich der NSU-Prozess, macht die Sache sogar noch spannender für mich.

Um 9.30 Uhr soll es offiziell losgehen. Um 8.45 Uhr betrete ich das Gebäude.

Durch die von Polizeibeamten gesäumte Eingangstür folge ich den laminierten „NSU-Prozess“-Schildern. Ein schmaler Gang, dann empfängt mich ein Check-In-Terminal, wie ich es bisher nur vom Flughafen kannte. Ein Polizeibeamter verlangt meinen Personalausweis, den er auf einem kleinen Kopiergerät ablichtet und meine Identität in den Besucher-Ordner des heutigen Verhandlungstages abheftet. So, jetzt bin ich erfasst. Unerkanntes Randalieren kann ich mir jetzt demnach abschminken.
Tasche, Jacke, Schlüssel, Handy werden in einer Box durch den Scanner geschoben, dann darf auch ich endlich durch die Schleuse des Metalldetektors treten. Es piepst. Natürlich! Bei mir piepst es immer! Vielleicht, weil ich noch ein Zwei-Euro-Stück in der Hosentasche hatte…? Egal, ich werde von einer Polizeibeamtin hinter einen Sichtschutz gewunken. Die Lady zieht sich Leder(!)-Handschuhe an und beginnt, mich abzutasten, wie ich selbst am Flughafen noch nicht abgetastet wurde! Ehrlich, dagegen waren meine bisherigen Airport-Erlebnisse ein Witz. Meine (zugegebenermaßen reichliche) Plauze wird mehrfach abgedrückt, so, als könne sie kaum glauben, dass das alles echt und keine umgeschnallte Sprengstoffweste ist. Zum Schluss wuschelt mir die nach wie vor sehr freundliche, aber an Hairstyling offenbar völlig uninteressierte Dame sogar durch die Haare! (Wer mich kennt, weiß, was das bedeutet!!) Ich bin so perplex, dass ich am liebsten laut lachen möchte. Was glaubt sie denn, in meinen kurzen Haaren zu finden? Es fühlt sich eher so an, als baue ein Vogel sein Nest. Aber egal…
Dann wird mir von einem anderen Polizeibeamten die Box mit meinen Habseligkeiten hingehalten. „Was wollen Sie mitnehmen?“ Bevor ich antworten kann, wird mir ein „Am Besten nix!“ entgegen gebellt. Schnell greife ich nach meiner Armbanduhr, bin aber ansonsten so eingeschüchtert, dass ich alles andere zurück lasse.
Ich bekomme ein Märkchen mit einer Nummer, meiner Garderoben-ID sozusagen, und dann geht es einen abgesperrten Weg zwei Stockwerke hinauf auf die Besuchergalerie des Gerichtssaals.

Das erste, was ich sehe, sind vier uniformierte Beamte am Eingang. Gelangweilt geben sie mir, dem aufgeregten Gerichts-Neuling, den Weg frei und ich betrete die Besuchergalerie. Gemurmel empfängt mich. Die Plätze sind bereits zur Hälfte gefüllt. Die zwei Blöcke der Galerie sind strikt nach „Presse“ und „Besucher“ getrennt – was man nicht nur an der überall präsenten Beschilderung, sondern auch an der Arbeitsplatzatmopshäre der mit Laptops, meterlangen Strom- und Verlängerungskabeln, Mehrfachsteckdosen, Handys, Ordnern und Unterlagen bewaffneten Journalisten erkennen kann. Ihre aufdringlichen gelben Presse-Badges haben alle gewichtig an Schlüsselbändern um den Hals gehängt oder an den Brusttaschen ihrer Jacken angebracht, Akkus werden überprüft, eMails geschrieben, Smartphones getouched (jaaa, die Presse-Menschen dürfen das alles offensichtlich mitnehmen!) und Notizen durchgeblättert. Auf der anderen Seite, jenseits des schmalen Mittelgangs, sitzen die Besucher. Im Gegensatz zu den irgendwie wahnsinnig gleich aussehenden Journalisten zeichnet sich hier ein heterogenes Bild: eine Gruppe aus Oberstufenschülern in Jeans und Chucks, ein älterer Herr mit Enkeltochter, ein nervig-laut sprechendes Ehepaar. Ich schaue mich um, versuche, mir einen Überblick zu verschaffen. Der Presseblock hat gute Sicht auf die (noch leere) Anklagebank, die Besucher hingegen schauen schräg herab auf die Bundesstaatsanwaltschaft. Der Rang erinnert mich an die Logen-Plätze im Theater, und genauso laufen die vier Sitzreihen auch schräg versetzt nach oben zu.
Die erste Reihe direkt hinter der Panorama-Glasscheibe ist natürlich schon belegt, aber ich bekomme einen Gangplatz in Reihe drei, von dem man auch noch den tiefer liegenden Saal gut einsehen kann.
Schräg vor mir sitzt ein älterer Herr, der sich über den Mittelgang hinweg mit einem Vertreter der Presse unterhält. Weise schiebt er sich die Halbbrille auf die Nasenspitze und beäugt den jungen Journalisten, während er im Brustton der Überzeugung formuliert: „Also, ich lese ja gar keine Zeitung mehr. Egal, welche! Ich will mich da nicht beeinflussen lassen. Die schreiben doch eh alle was anderes.“ Verständnisvolles (geheucheltes?) Nicken von dem jungen Mann, der ganz offensichtlich für eine Zeitung arbeitet…

Die Ränge füllen sich. Obwohl die Pressereferentin, mit der ich gestern kurz telefoniert hatte, betonte, dass das Besucher-Interesse am Prozess in den letzten Wochen sehr nachgelassen habe und ich auch erst kurz vorher sicherlich noch einen Platz bekäme, scheint mir die Bude heute „ausverkauft“. Und offensichtlich bin ich der einzige Depp, der sich an der Kontrolle alles hat abnehmen lassen. Denn um mich herum werden Stifte, Notizblöcke, Zeitungen und sogar Bücher gezückt.
Grmpf. Ok, weiß ich Bescheid – fürs nächste Mal.

Zwei Sanitäter schauen kurz bei uns rein, scannen die Leute ab, dann werfen auch sie einen Blick durch die Glasscheibe hinab in den Sitzungssaal. Außer Tischen und leeren Stühlen ist dort aber noch nicht viel zu sehen. Auf dem Pult der Bundesstaatsanwaltschaft liegt ein dicker StPO-Wälzer. Ansonsten glänzen auf fast allen Tischen silberne oder schwarze Laptops.
Hinter dem breiten, zentral stehenden Richterpult erstreckt sich eine beeindruckende Regalwand voller Aktenordner. Würde es sich um die Ausstattung eines Films handeln, hätte ich das etwas übertrieben gefunden. Doch offensichtlich gibt es in der realen Gerichtswelt wesentlich mehr Aktenordner, als sich das der Laie vorstellen kann.

9.15 Uhr: Endlich kommt ein bisschen Leben in den Saal – zwei EB-Kamerateams positionieren sich vor der Anklagebank. Nun sind auch die Presse- und Besucherränge bis auf den letzten Platz gefüllt. Immer mehr Juristen betreten den Raum. Ausnahmslos jeder von ihnen trägt einen stattlichen Aktenkoffer, den ich von den Dimensionen bisher immer nur bei Piloten gesehen habe, aus dickem Leder oder glänzendem Aluminium. Einige können die Last ihres Koffers offensichtlich nicht mehr selber stemmen, weshalb sie ihn auf Rollen hinter sich her ziehen. Erneut tritt unweigerlich ein gewisses Flughafen-Flair ein.

9.30 Uhr: Der erste Jurist legt sein Ornat an. Die schwarze Robe schwingt wie ein Superman-Cape um den Körper, dann wird sie vorne zugeknöpft. Unter den samtigen, knielangen Roben blitzen hier und da verwaschene Jeans auf. Offensichtlich ist es bauchnabel-abwärts egal, was man trägt. Nur oben rum ist wichtig! Denn eines habe ich bereits bemerkt: Wer was auf sich hält, trägt einen großen, weißen Kragen, der perlweiß aus dem schmalen V-Ausschnitt der schwarzen Robe herausragt!

9.31 Uhr: Vier in bordeaux-roten Roben gewandete Juristen betreten den Raum. Die Bundesstaatsanwaltschaft ist da! Unterlagen werden auf dem Tisch ausgebreitet, die Laptops aufgeklappt.
Ich komme mit der freundlichen Dame neben mir ins Gespräch, die bereits zum dritten Mal den NSU-Prozess als Zuschauerin beobachtet. Sie ist zwar privat da, arbeitet aber für eine Nachrichtenagentur und ist mir daher eine große Hilfe, um die Gesichter mit Namen und Funktionen zu versehen. Dank ihrer fachkundigen Erläuterungen entdecke ich nun auch die beiden Verteidiger von Beate Zschäpe, Wolfgang Heer und Anja Sturm. Vor Heer glänzen zwei(!) silberne MacBooks (übrigens die einzigen Apple-Laptops, die ich weit und breit erkennen kann).
Als meine Sitznachbarin mich fragt, was mich denn hierher führt, antworte ich wahrheitsgemäß, dass ich Drehbuchautorin und auf Recherche sei, da ich „Gerichtsverhandlungen bisher nur aus dem Fernsehen kenne“. Kaum habe ich den Satz ausgesprochen, wird mir klar, wie bescheuert sich das eigentlich anhören muss. So, als würde ein Bäcker sagen: „Brötchen? Kenn ich nur zum Aufbacken aus der Tiefkühltruhe.“ Nun ja, ich bin ja schließlich hier, um meinen Horizont zu erweitern!

9.43 Uhr: Die Bordeaux-Liga liest gelangweilt im dicken StPO-Wälzer oder starrt auf die Monitore der aufgeklappten Laptops. So, wie die Finger über das Touchpad wischen, sieht das definitiv mehr nach surfen denn nach arbeiten aus.
Um mich nicht auch der Langeweile auszuliefern, lasse ich meinen Blick weiter durch den Saal schweifen und versuche, mich in aufmerksamem Beobachten zu schulen. Tatsächlich: erst jetzt fallen mir die zwei Pullmoll-Dosen auf dem Tisch der Verteidigung auf. Eine schwarz, die andere rot. Aber weder Heer noch Sturm behandeln sie so, als würden sie ihnen gehören.
Der Platz vor der Anklagebank füllt sich nun mit Fotografen. Alle starren auf die in die Wandverkleidung eingelassene Tür hinter der Anklagebank.
Auf einmal beginnen die Spiegelreflexkameras der Reporter unten im Saal zu rattern. Die Schulter-Kameras schwenken hektisch auf die Polizeibeamten, die den Raum betreten. Dahinter: Beate Zschäpe! 9.46 Uhr – sie ist da!

Beate Zschäpe eilt von der Tür zu ihrem Platz zwischen ihren beiden Verteidigern Heer und Sturm, und dreht – dort angekommen – den Kameras sofort den Rücken zu. Während die Fotografen und Kameramänner ihre Perspektive nicht ändern und somit nur ihren Rücken ablichten können, sehe ich sie von hier oben immerhin im Profil.

Das ist sie also. Die Nazi-Braut. Das braune Monster. Die mutmaßliche Mörder-Komplizin.

Sie trägt die Haare offen, sie glänzen frisch gewaschen und sehen sehr gepflegt aus. Ein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Sie wirkt entspannt, gerade zu locker. Das wundert mich. Und es wundert mich, dass mich das wundert. Irgendwie hatte ich erwartet, eine Frau mit versteinerten Gesichtszügen zu sehen, gebeugt von der Schwere ihrer Schuld, voll Reue und Demut. Die Realität straft mich lügen: Nichts davon trifft zu!
Hinter ihr betritt Ralf Wohlleben den Saal und nimmt auf dem für ihn vorgesehenen Platz in der zweiten Anklagereihe Platz. Er zeigt sich ganz offen den Kameras und Objektiven, dreht sich nicht weg oder versteckt sein Gesicht unter Kapuze oder Aktenordner. In der Hand: einen Jutebeutel mit dem Aufdruck „Jena“. Auch er lächelt und scherzt mit seinen Anwälten. Ebenso wie Beate Zschäpe, die sich lächelnd mit Wolfgang Heer und Anja Sturm unterhält. Die drei wirken recht vertraut.

9.50 Uhr: Die Fotografen und Kamerateams werden aus dem Saal gebeten. Erst jetzt dreht Beate Zschäpe sich um. Sie packt einen schwarzen Laptop aus und legt ihn vor sich auf den Tisch.

9.51 Uhr: Eine unauffällige Tür hinter dem breiten Richterpult öffnet sich. Acht schwarzgewandete Richter betreten den Saal. Mit einem Ruck erheben sich alle von ihren Plätzen, auch Journalisten und Besucher. Ich folge brav dem Herdentrieb und stehe ebenfalls auf. Der vorsitzende Richter (Götzl) bittet Platz zunehmen.
„Kommen wir zur Präsenz!“ Manfred Götzl ruft alle anwesenden Juristen mit vollem Titel und Namen auf, erst die der Verteidigung (Zschäpes dritter Anwalt Wolfgang Stahl lässt sich für diesen Prozesstag entschuldigen), dann die der Bundesanwaltschaft, und schließlich die der Nebenkläger. Die Angesprochenen geben ein Handzeichen, um ihre Anwesenheit zu bekunden. Das alles dauert gefühlte fünf Minuten, so viele Juristen sind an diesem Prozess beteiligt und anwesend.
Über zwei Leinwände wird das übertragen, was von den Rängen aus nicht zu sehen ist, also hauptsächlich die Bänke voller Nebenkläger, die unten im Saal direkt unter der Besuchertribüne sitzen.
Nachdem die Anwesenheit (oder auch Abwesenheit) festgestellt ist, geht es los. Es wird das am gestrigen Nachmittag eingereichte Ablehnungsgesuch von Frau Zschäpe aufgerufen. Aufgeregtes Tasten-Klappern der Journalisten. In diesem Zusammenhang stellt Richter Götzl an die Haupt- und Nebenkläger die Frage, ob die Hauptverhandlung fortgesetzt werden könne.  Da den Nebenklägern wohl nicht (oder nicht rechtzeitig) die Unterlagen vorgelegt wurden, wollen (bzw. können) die sich nicht dazu äußern. Die Verhandlung wird für zehn Minuten unterbrochen.

10.08 Uhr: Noch immer läuft die Unterbrechung, zu der sich die Richter in einen Besprechungsraum zurückgezogen haben. Beate Zschäpe sitzt allein in der ersten Reihe der Anklagebank, ihre Verteidiger sind abwesend. Keine Ahnung, wohin, ich muss ihren Abgang irgendwie verpasst haben. Der Laptop vor Beate Zschäpe ist aufgeklappt, aber ihr Blick geht über den Monitor hinweg ins Leere. Noch immer warten alle auf die Rückkehr der Richter.

10.16 Uhr: Es geht weiter! Wieder stehen alle im Saal in einer einzigen, von vorne nach hintern verlaufenden Wellenbewegung auf. Aha, ok, das hab ich also auch schon gelernt: IMMER aufstehen, wenn die Richter den Saal betreten.
Richter Götzl verkündet, dass das Ablehnungsgesuch kopiert und allen in Papierform zugänglich gemacht werde, in ca. 90 Minuten seien die Kopien da. Doch da das Ablehnungsgesuch außerhalb des Hauptverfahrens stattfinde, könne man ja in der Zwischenzeit darüber abstimmen, ob man dieses fortsetzen könne. Doch da regt sich Widerstand. Da viele den Antrag nicht kennen, könnten sie sich auch nicht äußern und beurteilen, ob die Unterbrechung der Hauptverhandlung bis zur Entscheidung über das Ablehnungsgesuch in zwei Tagen gerechtfertigt sei, oder nicht. Erneut wird die Verhandlung unterbrochen. Die Richter beratschlagen in ihrem stillen Kämmerlein, ob man der Forderung von Anwalt Heer nachkommen und die 90 Minuten, bis allen das Gesuch vorliege, abwarten wolle. Schließlich die Entscheidung: bis 13 Uhr wird die Verhandlung unterbrochen.
Aufbruchstimmung. Anwalt Heer zieht seine schwarze Robe aus und legt auch die weiße Krawatte ab. Dann werden Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben durch die Tür hinter der Anklagebank weggeführt. Auch ich verlasse – wie die meisten anderen Besucher und Journalisten – die Besuchergalerie. Ich lasse mir Jacke und Tasche aushändigen und verbringe zwei Stunden außerhalb des Strafjustizzentrums.

12.05 Uhr: Wieder geht es durch den Metall-Detektor – und diesmal piepse ich nicht! Ein triumphales Hochgefühl durchflutet mich – ich habe noch nie nicht gepiepst! Doch da winkt mich die Polizeibeamtin schon wieder hinter den Sichtschutz! Erneut werde ich akribisch abgetastet, mit sanfter Gewalt wird mir sogar der innere Hosenbund abgefahren. Auf meine vorsichtige Frage, warum – denn immerhin hätte ich doch nicht gepiepst –, bekomme ich keine Antwort. Aha, gut, ist wohl einfach so. Dienst nach Vorschrift. Verstehe!
Dann stehe ich wieder vor dem Beamten mit der Box, in der meine Habseligkeiten liegen. Auf die Frage: „Was wollen Sie mitnehmen?“ antworte ich jetzt schon viel routinierter: Armbanduhr, Stift und Notizblock, dazu noch die Zeitung. Na bitte, geht doch!
Mit Elan nehme ich die zwei Stockwerke und stürme die Galerie, in der Hoffnung, dass die „guten Plätze“ in der ersten Reihe frei sind. Doch Fehlanzeige. Erneut nehme ich also in der dritten Reihe direkt am Mittelgang Platz und überbrücke die Wartezeit mit ausgiebiger SZ-Lektüre.

13.07 Uhr: Es geht weiter! Rumms – der Saal steht, als die Richter erneut den Raum betreten. Dann die erste Wortmeldung – von Wolfgang Heer. Er beantrage zwanzig Minuten Besprechungszeit mit seiner Mandantin, um zu beraten, ob man ein weiteres Ablehnungsgesuch einbringen wolle.
Hä? Ich habe nicht Jura studiert, ich habe von Rechtswissenschaften also wirklich keine Ahnung – aber irgendwie klingt das für mich nicht logisch. Über das andere Ablehnungsgesuch ist doch noch gar nicht entschieden worden! Nun denn, die Verhandlung wird erneut für zwanzig Minuten unterbrochen.

Langsam macht sich unter den Besuchern und den Journalisten eine angespannte Unruhe breit. Dieses dauernde Unterbrechen, Warten, Verschieben und Aussetzen fängt langsam an zu nerven. Wann geht es denn endlich mal zur Sache? Immerhin – so habe ich einigen Gesprächsfetzen meiner Nachbarn entnehmen können – sollen doch heute Nachmittag Angehörige eines der Opfer gehört werden. Angeblich sollen sie extra aus der Türkei angereist sein.

Neben mir sitzt nun eine junge Frau, neben der wiederum eine sehr alte Dame sitzt. Die ist sicherlich Mitte Siebzig, ihren Krückstock hat sie zwischen die Knöchel gerammt. Es entwickelt sich ein Gespräch zwischen uns Dreien – obwohl mir im Vorfeld alle davon abgeraten haben, mich bei diesem Prozess mit meinen Sitznachbarn anzufreunden. Das könnten ja alles verkappte Nazis sein – Zschäpe-Sympathisanten, sozusagen. Doch entweder bin ich noch naiver, als ich ohnehin schon bin, oder die junge Frau neben mir ist wirklich keine „Braune“. Sie wirkt sehr freundlich und sympathisch. Was man von ihrer Sitznachbarin, der alten Dame, nicht ganz so umfassend behaupten kann…
Die berichtet, dass sie schon seit dreißig Jahren Prozesse verfolgt, es ist also so eine Art Hobby von ihr. „Aber keine Zivilsachen, das ist ja langweilig!“ Aha, ok, wieder was gelernt.
Dann gerät sie ins Schwärmen, so sehr, dass ich ihren breiten bajuwarischen Akzent kaum noch entschlüsseln kann: „Ich war bei allen großen Prozessen dabei. Beim Sedlmayr-Mord zum Beispiel. Oder bei…hier… wie heißt der noch mal? Na, dieser Kriegsverbrecher aus Amerika. Den haben sie auf einer Krankenliege rein geschoben.“ (Anmerkung der Autorin: Sie meinte John Demjanjuk.) „Und heute, da wollte ich mir mal die Zschäpe angucken.“ Ihre Stimme nimmt einen zornigen Tonfall an: „Die Zschäpe, die ist nur am Lächeln! Ich kenn die nicht: aber ich tu die verachten!“
Die junge Frau neben mir und ich tauschen einen kurzen Blick aus. Doch die Alte gewinnt an Fahrt: „Auch auf Fotos: nur am Lächeln!“ Zugegebenermaßen irritiert auch mich die Gelassenheit, die Beate Zschäpe mit ihrem Dauer-Lächeln zur Schau stellt. Aber kann man sie dafür verurteilen?
Noch immer läuft die Unterbrechung, weshalb die alte Dame einfach weiter aus ihrem Erfahrungsschatz plaudert: „Also, ich beobachte das jetzt schon dreißig Jahre. Und wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Also, ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber auf den Listen, wo die Namen der Angeklagten stehen – bei Mord und Totschlag, da stehen NUR AUSLÄNDER!!!“ Sie schaut uns an, sucht Bestätigung. Ich habe das große Glück, in mein Notizbuch abtauchen  und dringende Notizen vortäuschen zu können, um mich einer Antwort zu entziehen. Ich spüre, wie die junge Frau neben mir sich unbehaglich windet und ein „Na ja…“ heraus presst. Langsam frage ich mich, was die Alte gegen Beate Zschäpe hat. Die beiden sind doch fast so was wie Gesinnungsgenossinnen…
Doch bevor ich den Gedanken weiter verfolgen kann, geht wieder der obligatorische Aufsteh-Ruck durch die Menge. Die Richter sind zurück.

13.40 Uhr: Heer verkündet das Ergebnis der Besprechung mit seiner Mandantin – diese wolle nun tatsächlich ein weiteres Ablehnungsgesuch anbringen und brauche jetzt zwei Stunden Zeit für die Erarbeitung des solchen. Aus den Besucher- und Journalistenreihen erklingen erste Stöhner. Doch Richter Götzl bleibt stoisch und verkündet eine erneute Unterbrechung bis 15.45 Uhr.
Die Juristen beginnen, ihre Laptops und Unterlagen zusammen zu packen. Auch Beate Zschäpe greift nach dem 2-Liter-TetraPak, aus dem sie sich permanent weißen Traubensaft in einen Plastikbecher füllt und trinkt, und packt ihn in ihren Jutebeutel. Dabei dreht sie sich unbewusst deutlich der Besuchergalerie zu – und wir alle sehen ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht. Die alte Dame zeigt auf Zschäpe und haucht: „Da! Sehen Sie!“ Sie hat Recht: dieses Grinsen ist so unverhohlen spöttisch, das ich vor meinem geistigen Auge eine Gedankenblase über Zschäpes Kopf schweben sehe, in der breit „Hahaha – ihr Deppen!“ steht. Spätestens jetzt ist jedem – ob Jurist oder Laie – klar: das sind alles nur Spielchen, um den weiteren Prozessverlauf zu verzögern! Im Fußball gäb’s dafür Gelb – in der Demokratie bleibt so ein Betragen offenbar ohne Folgen.
Kurz überlege ich, ob ich den heutigen Recherche-Tag an dieser Stelle entnervt abbrechen soll. Doch ich entscheide mich dagegen. Ich bleibe! Ich will diesen Verhandlungstag in Gänze erleben! Ob die Opfer-Angehörigen wohl noch zu Wort kommen werden?

16.00 Uhr: Verspätet (wie schon den ganzen Tag!) geht es weiter. Beate Zschäpe verteilt an ihre beiden Anwälte großzügig Pullmoll-Bonbons – die Heer und Sturm auch freudig ergreifen. Die junge Frau neben mir stupst mich an: „Ich frag mich grad, ob ich von der was annehmen würde.“ In Gedanken muss ich ihr zustimmen. Ich wüsste – ehrlich gesagt – auch nicht, wie ich auf das freundliche Bonbon-Angebot einer mutmaßlichen Rechtsextremistin reagieren würde…
Kurz darauf liest Anja Sturm – mit wenig Esprit und einem zum Wegdösen verleitenden monotonen Einklang – das erarbeitete Befangenheitsgesuch vor: Beate Zschäpe lehne – aus mir (als Laien und Prozess-Neuling) nicht verständlichen Gründen – Richter Kuchenbauer und mehrere andere wegen angeblicher Befangenheit ab. Kaum ist der Schriftsatz verlesen, wird von Wolfgang Heer erneut eine Beratung mit der Mandantin Zschäpe beantragt. Wieder wird die Sitzung unterbrochen – diesmal bis 16.40 Uhr.

Ein leiser Zorn steigt in mir auf. Bisher hatte mich der NSU-Prozess lediglich oberflächlich interessiert. Aber jetzt beginnt er, selbst für mich persönlich zu werden. Das kann doch nicht wahr sein, dass hier permanent unterbrochen, verschoben und verschleppt wird! Beate Zschäpe verschwendet meine Lebenszeit mit ihrer Scheiß-Verzögerungstaktik! Ich verspüre den unbändigen Drang, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und laut „Jetzt ist mal Schluss mit dieser Kinderkacke!“ zu rufen. Doch stattdessen schlage ich nur resigniert die Zeitung auf und beginne, nun sogar die Artikel, die mich wirklich kein bisschen interessieren, zu lesen, da ich alles andere schon in den letzten Stunden bereits gelesen habe.

16.45 Uhr: Die ursprüngliche Einstiegsfrage am Morgen wird nun von der Bundesstaatsanwaltschaft aufgegriffen: unter Betonung des „Beschleunigungsgrundsatzes“ solle bzw. müsse nun dringend die Hauptverhandlung fortgesetzt werden! Auch die Anwältin eines Nebenklägers ergreift das Wort: „Das hat schon etwas von absurdem Theater hier…“
Nach dieser Wortmeldung verkündet Richter Götzl erneut eine Unterbrechung bis 17.30 Uhr. Warum? Keine Ahnung! Auch meine Sitznachbarin guckt mich erstaunt an. Wir Laien können den Grund dafür jedenfalls nicht nachvollziehen.

17.31 Uhr: Kaum haben sich alle wieder hingesetzt, nachdem die Richter erschienen sind, verkündet Götzl, dass die Anträge von Frau Zschäpe an den Beschlusssenat weitergeleitet werden und die Hauptverhandlung bis zur Entscheidung in zwei Tagen unterbrochen bleibe. Damit beendet er den Sitzungstag.

Während ich zur U-Bahn trotte, reflektiere ich das heute Erlebte: Irgendwie habe ich ein unbefriedigendes Gefühl. Wenn man die ganzen Unterbrechungen und Besprechungspausen abzieht, kann unterm Strich nicht viel mehr als eine Stunde aktiver Prozess rausgekommen sein.
Macht das nur mich so aggressiv? Ob die anwesenden Rechts- und Staatsanwälte heute Nacht in ihren Betten liegen und selbstzufrieden denken: „Hey, heute hab ich ja richtig was weggeschafft?“
Ist das immer so? Oder war der heutige Tag eine Ausnahme?

Und was ist das mit Beate Zschäpe? Die Frau, die mutmaßlich an mehreren, kaltblütigen Morden beteiligt gewesen sein soll, zeigt weder Reue noch Demut – im Gegenteil verbreitet sie das Gefühl, als ginge sie das Ganze gar nichts an.
Erstmals verspüre ich einen persönlichen Bezug zu diesem NSU-Prozess. Und noch bevor ich die Treppe herunter gestiegen bin und der U-Bahnschacht meinen Blick auf das Strafjustizzentrum ganz verdeckt, fasse ich den Entschluss, bald einen weiteren Tag im NSU-Prozess zu besuchen.
Denn wie soll ich sonst wissen, wie ich den heutigen Tag zu bewerten habe?

Text: © Anne-M. Keßel | September 2013
Foto: © Anne-M. Keßel

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